Ist Coaching eine Ideologie?

Der Politologe Georg Steinmeyer hat ein wichtiges Buch geschrieben mit dem Titel „Die Gedanken sind nicht frei“. Darin untersucht er drei therapeutische Methoden und behauptet, sie hätten keinen wissenschaftlichen, dafür aber einen ideologischen Hintergrund. Er sieht diese Methoden mehr als Gehirnwäsche denn als Problemlösung für den Klienten. Er bringt dafür einige Argumente, die man nicht ohne weiteres von der Hand weisen kann. Ich gehe nachfolgend auf die Methoden und seine Vorwürfe ein. Da das Buch ein erhebliches Rauschen im Blätterwald erzeugt, weshalb ich hier einige Missverständnisse ausräumen möchte.

Das Missverständnis

Denn das Buch irrt sich an einer Stelle ganz gewaltig. Das ist vor allem deshalb ärgerlich, weil mit etwas mehr Recherche dieser Irrtum ohne weiteres zu vermeiden gewesen wäre. Steinmeyer  behauptet nämlich im Untertitel „Coaching: eine Kritik“ und in weiten Teilen des Buches, diese Methoden würden nur von Coaches benutzt und seien die einzigen, die Coaches benützen würden. Die erste Behauptung widerlegt Steinmeyer selbst, indem er schreibt, dass diese Methoden zum Beispiel an der Universität Mannheim im Bereich Pädagogische Psychologie angeboten wird.

Auch die zweite Behauptung, dass nämlich alle Coaches diese Methoden benutzen würden, ist falsch. Ich selbst lehne sie ab und würde nie mit ihnen arbeiten, und ich kenne viele Coaches, die ähnlich denken. Nur weil er selbst Coaching-Erfahrungen gemacht hat, bei denen die Coaches diese Methoden angewendet haben, kann Steinmeyer nicht davon ausgehen, dass alle Coaches sie nutzen. Diese Methoden widersprechen lösungsfokussierten und systemischen Ansätzen. Jeder Coach, der diesen Ansätzen folgt (beide sind übrigens wissenschaftlich gut fundiert), kann unmöglich diese drei von  Steinmeyer – wie ich denke zurecht – kritisierten Methoden anwenden. Nun aber zu den Methoden und der Kritik:

Neurolinguistisches Programmieren (NLP)

Steinmeyer sieht als ideologischen Kern des NLP einen einseitigen Konstruktivismus: Die Persönlichkeit eines Menschen wird geprägt von beliebig veränderbaren Denkmustern. Wenn der Klient sich einen veränderten Glaubenssatz nur lange genug vorsagt, wird sein Denken und Handeln durch den neuen Glaubenssatz geprägt.

Laut Vorstellung des NLP gibt es von daher keine Opfer, es sei denn ein Mensch macht sich selbst dazu. Manche Vertreter dieser Methode sehen sogar Krankheiten als Ergebnis einer falschen Denkweise des Klienten: „Du hast Krebs? Selbst schuld, ändere Deine Denke, dann wird der Krebs schon verschwinden.“ Zugegeben, nicht alle NLP-Coaches denken so, ich treibe hier die grundsätzliche NLP-Denke auf die Spitze. Allerdings werden solche Sätze manchmal gesagt.

Positive Psychologie (PP)

Martin Seligmann hat die Positive Psychologie entwickelt. Deren Grundlage ist die angebliche Programmierbarkeit von Optimismus und Machbarkeit von Glück. So kann man nicht übersehen, dass PP in einer calvinistischen und kapitalistischen Gesellschaft entstanden ist. Denn Glück ist laut PP lediglich ein Mittel zum Zweck des maximalen ökonomischen Standards. Bertelsmann-Personalmanager Nico Rose, der sich auf die PP bezieht, behauptet sogar, dass Urlaub und Freizeit das Wohlbefinden nicht fördern, sondern dass das Glücksniveau bei der Arbeit stets steigt.

Die Vertreter der PP lassen ein Infragestellen ihrer positiven Grundüberzeugungen nicht zu, weil das die Wirkung der PP unmöglich mache. So werden selbst Traumata als positiv gesehen, sofern das Opfer daran ein posttraumatisches Wachstum anschließe. Natürlich gibt es ein posttraumatisches Wachstum, das aber in die Verantwortung des Traumatisierten zu stellen, ist zumindest fahrlässig. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Mensch umso glücklicher wird, je häufiger er Traumata erlitten hat. Ich bin der Meinung, da hilft auch das positivste Denken nichts.

Man weiß inzwischen, dass bestimmte Menschen gegen Traumata weniger resilient sind als andere. Das liegt nach neusten Forschungsergebnissen nicht an fehlender Willenskraft, negativem Denken oder falschen Glaubenssätzen, sondern an vorausgegangenen kindlichen Traumata durch Missbrauch oder ähnlichem.

Der Psychologieprofessor Philipp Mayring kommt deshalb zu dem Schluss: „Was an der PP verstört, ist ihr Sendungsbewusstsein und ihr Ausschließlichkeitsanspruch.“

The Work® (TW)

Katie Byron geht mit der von ihr entwickelten Methode TW noch einen Schritt weiter. Sie behauptet, dass alles, was auf der Welt geschieht, auch Krankheit, Krieg, Folter, Missbrauch, weder gut noch schlecht ist, sondern nur durch unsere Einstellung zu diesen Dingen negativ wird. Missbrauchsopfer werden von ihr in ihren Sitzungen dazu gebracht zu sagen: „Ich freue mich darauf, missbraucht zu werden.“ Ich habe einmal in einem YouTube-Beitrag gesehen, wie sie eine Trump-Gegnerin dazu gebracht hat, eine Trump-Anhängerin als ihre Meinungsführerin anzuerkennen, damit sie das, was ist – die Präsidentschaft Trumps – als positiv akzeptiert.

Das, liebe Leser, ist kein Coaching, das ist Gehirnwäsche übelster Art. Trotzdem hat TW Erfolg und wird unverständlicherweise sogar an mindestens einer deutschen Universität zur Stressreduktion angeboten.

Fazit

Die drei vorgestellten Methoden werden von Steinmeyer als ideologische Schulungen angesehen, die den Menschen zur besseren marktmäßigen Verwertbarkeit optimieren. So braucht man nicht die Umstände ändern, sondern nur den Menschen an sie anzupassen, indem man ihn zielgerichtet „upgradet“. Sein Verdienst ist, dass er damit einen dringend notwendigen Denkprozess anstößt

Ich möchte noch einmal betonen, dass diese Methoden beileibe nicht von allen Coaches angewendet werden, auch wenn Herr Steinmeyer das so darstellt. Ich selbst habe die Methoden zwar kennengelernt, mich aber gegen sie entschieden. Sie sind nicht Inhalt meines Methodenkoffers, denn ich achte den Klienten als Experte für sein Problem und dessen Lösung, denn „als Coach bin ich ratlos“.

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