Teamarbeit – eine Herausforderung für Führungskräfte

Frauen im TeamEs ist noch nicht lange her, da wurde von jedem (zukünftigen) Mitarbeiter Teamfähigkeit gefordert. Das war damals der wichtigste „Skill“, oft noch höher bewertet als Fachwissen und Führungseigenschaften. Inzwischen ist in weiten Teilen der Wirtschaft die Teamarbeit in Verruf geraten. „Team“ sei, so wird behauptet,  ein Akronym für „Toll, ein anderer macht’s“. Indem man Teamarbeit auf diese Art lächerlich macht, tötet man jeden Ansatz dazu.

Und es kommen noch aus einer anderen Ecke Angriffe auf die Teamarbeit. Denn inzwischen müssen Vorgesetzte nicht nur teamfähig sein – das gehört selbstverständlich zum guten Ton und ist politisch korrekt. Sie müssen auch – und wie es sich anhört, die wichtigste und eigentlich entscheidende Anforderung an sie – Führungsfähigkeit und vor allem Durchsetzungskraft haben.

Ein von einer solchen Führungskraft geführtes Team ist bald keines mehr, wenn es je eins war. Es wird zu einer klassischen Abteilung, mit einem Chef, der sagt, wo es langgeht, und der die Beschlüsse „von oben“ durchsetzt. Nach außen wird natürlich behauptet, man sei ein Team, in dem jeder gehört würde und jeder einen wichtigen Beitrag leiste. Tatsächlich hat aber nur der sogenannte Teamleiter zu sagen, der alle fachlichen und prozeduralen Entscheidungen trifft und durchsetzt. Zusätzlich coacht er natürlich sein Team, das macht man ja heute so. (siehe „Ein Chef ist kein Coach“)

Die sogenannte Schwarmdummheit

Unterstützt wird dieser Rollback noch durch Bücher über die „Schwarmdummheit“, in denen behauptet wird, die Schwarmintelligenz, also die Fähigkeit vieler, in einem abgestimmten Verfahren gute Lösungen zu finden, existiere nicht. So wird der Teamgedanke desavouiert. Der Begriff der Schwarmdummheit ist nur dann richtig, wenn der Schwarm zu einer Herde mutiert, wenn also ein wenig soziales Schwarmmitglied sich durchsetzt. Dann folgt ihm die Herde und ist maximal so intelligent wie dieser Herdenchef. Verhaltensforscher haben das mit einem Fischschwarm und einem künstlichen Fisch simuliert. Die typische Verhaltensweise des Schwarms wurde damit außer Kraft gesetzt, der Schwarm wurde zur Herde und folgte dem Gummifisch blindlings, weil dieser keine Angst hatte, sich von dem Schwarm zu entfernen. Der sich antisozial verhaltende Kunstfisch riskierte dabei nichts. Ein natürlicher Fisch in einer natürlichen Umgebung wäre bei einem solchen Verhalten längst gefressen worden.

In einem Schwarm gibt es eine solche Führungspersönlichkeit nicht, ein Schwarm ähnelt in dieser Beziehung einem Team. In einem Team hat jeder die gleiche Stimme, der Leiter des Teams schafft dazu die Rahmenbedingungen und führt die Prozesse. Er weiß, dass er nicht so viel fachliches Wissen haben kann, wie die Summe der Fachleute, die zu seinem Team gehören. Er fällt nur dann eine fachliche Entscheidung, wenn sich das Team nicht einigen kann. Ansonsten verkündet er die Beschlüsse des Teams und macht sie so bindend.

Wie treffen Teams Entscheidungen?

Aber wie kommt man nun in einem Team zu einer guten Entscheidung? Sicher nicht dadurch, dass man demjenigen folgt, der sich am eloquentesten ausdrücken kann oder gar demjenigen, der am lautesten schreit. Es muss auch denjenigen eine Stimme gegeben werden, die sich scheuen, ihre Meinung vor einer großen Gruppe vorzutragen. Rhetorische Fähigkeiten gehen oft nicht mit fachlichen einher.

Es hat sich gezeigt, dass diejenigen Teams zu den besten Ergebnissen kamen, bei denen jeder seine Gedanken und Ideen vorstellen konnte und daraus ein Konsens entwickelt wurde. Ohne eine solche Möglichkeit, wenn also die verschiedenen Möglichkeiten einfach nur zur Wahl gestellt wurden, war das Ergebnis erheblich schlechter. Es macht eben den Schwarm aus, dass man als Schwarmmitglied das Verhalten der anderen beobachtet und sein Verhalten darauf abstimmt. Nur so kommt es zur Schwarmintelligenz.

Das Vorgehen im Team passt natürlich den “ Helden der Arbeit“ überhaupt nicht. Diese sind der Meinung, sie hätten ihre besten Leistungen nicht im Team, sondern als Einzelkämpfer erreicht. Teamarbeit würde aufgrund der notwendigen Abstimmungen nur Zeit kosten. Und natürlich haben sie recht, solange es um klar umrissene, vielleicht sogar komplizierte Aufgabenstellungen geht. Hier mag der Einzelne schneller sein – obwohl sogar beim „Extreme Programming“ Zweierteams gebildet werden.

Sobald aber eine Aufgabe nicht mehr kompliziert, sondern komplex ist, ist der Einzelne überfordert. Er kann unmöglich das chaotische Verhalten des Systems durchschauen. Bei nichtlinearen Abhängigkeiten sind die durch Einzelne gefundenen monokausalen Lösungen nicht zielführend, hier ist die gleichberechtigte Zusammenarbeit einer ganzen Gruppe notwendig. Ein hierarchisch denkender Chef stört dabei nur, denn bei seinem Auftreten kommt es zum HiPPO-Effekt.

Fazit

Der richtige Spezialist am richtigen Ort löst Aufgaben gut, intelligent und rasch, wenn sie kompliziert aber monokausal sind. Komplexe Aufgaben sind nur im Team lösbar, wenn dieses die richtige Art der Zusammenarbeit gefunden hat.

Die Aufgabe einer Führungskraft eines Teams liegt darin, die Prozesse desselben einzuführen und zu leiten. Fachlich ist das Team immer seiner Führungskraft überlegen, es sei denn, es ist zur Herde mutiert. Diese Mutation zu verhindern, durch Schaffung passender Randbedingungen und Führung der Lösungsprozesse, das ist die wahre Aufgabe einer Führungskraft.

Autor: Roland Scherer

Roland Scherer, Jahrgang 1951, Buchautor, systemischer Personal und Life-Coach. Ausbildung und Zertifizierung zum Psychologischen Berater und Coach. Sein Schwerpunk liegt auf lösungsfokussierte Gesprächsführung, systemisches Denken und Handeln und Aufstellungen. Er praktiziert seit Jahren im Rahmen der Begleitung seiner Klienten Systemische Aufstellungen, wobei er die Systemische Struktur-Aufstellung nach Insa Sparrer und Mathias Varga von Kibéd als besonders hilfreich erfahren hat.

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