Gibt es zu wenig Computer in Deutschland?

Überall hört man, Deutschland und die deutschen Firmen seien mit der Digitalisierung der Wirtschaft hinterher, und wenn wir uns nicht beeilen würden, würden uns die anderen Länder wieder einmal überholen. Gibt es also in Deutschland zu wenig Computer, veraltete Programme oder ein zu langsames Internet?
Ganz abgesehen davon, dass in den alten Bundesländern das Internet tatsächlich zu langsam ist, ist das mit „Digitalisierung“ nicht gemeint.

Was verstehen die Mahner unter Digitalisierung?

Eigentlich wird von denen, die die zu langsame Digitalisierung anmahnen, gar nicht von IT-Hard- und Software geredet. Mir ist das mal wieder aufgefallen, als ich mir ein Podcast zu diesem Thema angehört habe (Digitalisierung in Deutschland- zu lahmes Verlassen einer komfortablen Blase). Dort ist wenig von IT zu hören, sondern viel mehr von Führung. Ist also die (herbeigeredete) Digitalisierungskrise etwas ganz anderes?

Ein neues Schlagwort musste her

Nachdem die Agilität zum Schlagwort (neudeutsch Buzzword) verkommen war, mit dem kein Berater mehr einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken konnte, musste ein neuer Begriff her. Denn jede Firma ist jetzt angeblich agil, hat also an Beratung zu diesem Thema keinen Bedarf mehr. Die meisten Firmen haben da ein falsches Selbstbild, denn einige Scrum-Versatzstücke reichen nicht. Um agil zu werden, muss allem die Führungsspitze ihr Verhalten ändern. Wenn den Mitarbeitern der Sinn des Ganzen plausibel gemacht wird, ziehen sie schon mit. Beides aber ist nicht passiert – weder wurde der Führungsstil geändert noch die Mitarbeiter aufgeklärt. Man wurschtelt in der Komfortzone herum, schreibt Agilität in die Unternehmensziele und ist zufrieden.

Berater haben bemerkt, dass kaum jemand wirklich verstanden hatte, dass man eine Firma grundlegend umkrempeln muss, um sie agil zu machen. Aber der Begriff „agil“ war nun ausgelutscht, ein neues Ziel musste her. So wurde die Digitalisierung erfunden.

Der falsche Begriff

Damit haben sich die Erfinder aber einen Bärendienst erwiesen. Digitalisierung wird zuerst einmal von jedem als Aufbau der IT-Infrastruktur verstanden. Dieses Ziel ist jedoch schon beinah erreicht: Prozesse werden jetzt nicht mehr per Laufzettel abgehandelt, sondern per Computer, und außerdem kommunizieren wir ja mit Kunden und Lieferanten per Internet. Und die Etiketten sind maschinenlesbar. Alles digital, alles gut!

Mit dem Begriff „Digitalisierung“ hat man den unbedingt notwendigen Wandel in die IT-Abteilung verlegt, wo er sicher nicht hingehört. Denn das zu erreichende Ziel ist etwas ganz anderes: Firmen sollen der Volatilität der Weltwirtschaft flexibel entgegentreten. Und das geht im Zweifel sogar mit Laufzetteln, wenn die Ausrichtung der Firma stimmt. Verantwortlich dafür ist aber nicht die IT – die hat zu den dazu notwendigen strategischen Schritten weder die Befugnis noch die fachliche Kompetenz.

Ich will nicht sagen, dass jeder das Wort falsch versteht, aber die Wortwahl legt ein Missverständnis nahe. So kann sich die Firmenleitung aus der Verantwortung schleichen.

Was ist denn unter Digitalisierung zu verstehen?

Wenn Sie die ganzen Artikel, die Sie über Digitalisierung finden können, richtig interpretieren, finden Sie uralte Ziele, die in Deutschland unter den verschiedensten Schlagworten seit mehreren Jahrzehnten gefordert, aber nie verwirklicht wurden.

  • Flache Hierarchien
    Um eine schnelle und ständige Änderung eines Unternehmens erreichen zu können, sind tiefe Hierarchien hinderlich. Sie machen aus einer Firma einen Ozeandampfer, der, einmal auf Kurs gebracht, diesen nicht mehr verlassen kann.
  • Wertschätzung der Fachleute
    Die Fachlaufbahn wird gegenüber der Führungslaufbahn immer noch unterbewertet. Jedoch „hält“ sich ein gutes Unternehmen  keine Fachleute. Es besteht aus Fachleuten und hält sich neben fähigen Führungskräften möglichst wenige Manager.
  • Den Mitarbeitern zuhören
    Wenn die Firmenspitze die Wahrheit gepachtet hat, wird ein Großteil der im Unternehmen vorhandenen Intelligenz verschenkt. Kein Einzelner, sei er auch noch so intelligent, kann alle Entwicklungen im Auge behalten. (siehe: Der schwarze Schwan killt den Truthahn)
  • Fehler zulassen
    Wer Fehler bestraft, verhindert Neues in seiner Firma. Fehler sind nicht nur unvermeidlich, sondern notwendig und als Wachstumschance zu begrüßen. (siehe: Fehler im Projekt)
  • Optimieren mit Augenmaß
    Effizienz-Fanatismus führt zu Beginn zu höheren Leistungen und später zum Zusammenbruch. Geben Sie „Lose“, halten sie die Leine in der Hand, ohne es die ganze Zeit straff zu ziehen oder gar festzuzurren.
  • Delegieren lernen
    Chefs, die nicht delegieren können, müssen alles selbst machen. Das kann auf Dauer unmöglich klappen.

Es gibt noch viele dieser Grundsätze, wenn Sie Interesse haben, lesen Sie mein Buch „Agile Führung altbewährt“. Da geht es zwar in einigen Kapiteln um Projekte, aber was für Projekte gilt, gilt auch für Vorhaben in Firmen oder Abteilungen. Diese Grundsätze sind uralt, schon die Preußen wussten davon. Sie glauben mir nicht? Schauen Sie mal in das Buch „Sprechen wir über Preußen“ von Joachim Fernau .

Warum haben sich die Firmen nicht längst geändert?

Vor allem, weil sie (noch) erfolgreich sind: Ein erfolgreiches System kann man nur sehr schwer ändern. Aber „Weiter so, Deutschland!“ geht nicht mehr, die bleierne Zeit ist vorbei.

Und dann gibt es den pessimistischen Satz: „Never change a running system!“. Mit dem ist aber heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Er hat sich überlebt: gerade dann, wenn ein System erfolgreich läuft, muss man es gegen schwarze Schwäne wappnen.

In Deutschland sind wir gewohnt, dass wir alles, was wir machen, auch perfekt machen. Aber beim Umkrempeln unserer Firmen ist Perfektion nicht gefordert! Anfangen, ausprobieren, Fehler machen, daraus lernen, wieder anfangen – das führt zum Ziel.

Und dann gibt es da noch den überlasteten Chef. Er spürt, dass er zu wenig Wissen hat, aber er weiß es nicht. Denn man weiß erst dann, dass man Lücken hat, wenn man über ein Thema viel weiß (siehe: Inkompetenz schenkt Selbstvertrauen).

Die sonderbarste Aussage, die ich zu dem Thema gehört habe, war, dass deutsche Führungskräfte durchaus zur Digitalisierung bereit seien, die Mitarbeiter aber nicht. Als Begründung wurde angegeben, dass die Führung den Mitarbeitern nichts von ihren digitalen Bestrebungen erzählt hätte. Das ist Ironie vom Feinsten! Die Abschottung der Führungsriege ist gerade nicht Digitalisierung.

Fazit

Lassen Sie sich von dem Schlagwort „Digitalisierung“ nicht abschrecken: der Prozess muss nicht teuer sein und erst recht nicht IT-lastig. Allerdings krempelt er die ganze Firma um, indem er Verantwortung nach unten delegiert und die Führungsstruktur auf den Kopf stellt. Und dazu braucht es Mut, Entschlossenheit und Zeit. Die Mitarbeiter werden mitmachen, wenn sie angemessen informiert werden und wenn sie der Führung vertrauen können, dass sie wirklich die Befugnisse haben, die zu der ihnen angebotene Verantwortung passt. Ihre Kompetenz ist vorhanden, sie muss sich nur äußern dürfen. Sie werden sich wundern, wie die Ideen fließen, ganz ohne das unsägliche Verbesserungs-Vorschlags-Management-Monster. Allerdings werden Sie auch einige schmerzhafte Wahrheiten erfahren, die völlig unerwartet geäußert werden. Lassen Sie die Kritik zu! Denn Widerstand ist das Angebot zur Mitarbeit.

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