Von Tieren und Menschen

Muss ein Tier aus einer Herde von Beutetieren schneller sein als das Raubtier, von dem es gejagt wird? Ohne nachzudenken, würde man sagen „Ja“. Tatsächlich muss es aber nur schneller sein als der langsamste seiner Artgenossen, denn der wird wahrscheinlich geschlagen und gefressen. Alle anderen haben dann zumindest eine Zeitlang ihre Ruhe. „Den Letzten beißen die Hunde!“, heißt es. Und so laufen gejagte Beutetiere nicht so schnell sie können, sondern nur schneller als der Langsamste.

Wer ist der schnellste?

Das Raubtier hingegen verhält sich anders. Das läuft so schnell es kann, denn es will die Beute schnell erreichen und sicher schlagen. Es will ihr keine Chance geben, zu entkommen.

Warum erzähle ich das? Es erinnert mich an das Verhalten von Mitarbeitern in einer Firma. Werden sie von einem Chef angetrieben, der sich wie ein Raubtier verhält, laufen sie nicht schneller, als sie müssen. Höhere Geschwindigkeiten und bessere Arbeit erreichen sie nur, wenn sie nicht extern motiviert werden, wenn sie also nicht außengeleitet, sondern innengeleitet sind. Das erreicht man aber nicht durch einen beißenden Chef, dazu braucht es ein gesundes Betriebsklima, sinnstiftende Arbeit und noch einige andere Voraussetzungen. Gute Führung eben.

Ängstliche Angeber üben Prellsprünge

Im Tierreich kann man im Verhalten von Beutetieren noch ein weiteres Phänomen beobachten. Wird zum Beispiel eine Impala-Herde gejagt, machen die Tiere hohe, aber eigentlich sinnlose Sprünge mit steifen Beinen, Prellsprünge genannt. Die sehen lustig aus, haben aber einen todernsten Hintergrund. Wer die höchsten Sprünge macht, wird am seltensten gejagt. Denn obwohl die Fähigkeit, hoch zu springen, eigentlich nichts über die Fähigkeit, schnell zu laufen aussagt, geht das Raubtier davon aus, dass der höchste Springer auch der fitteste Läufer ist. Raubtiere jagen aber lieber nicht so fitte Beute, das ist weniger anstrengend. Der Trugschluss der Raubtiere schützt also das Beutetier, das mit seinen hohen Sprüngen imponiert.

Auch die Fähigkeit, beeindruckende Reden zu halten sagt nichts über die Fähigkeit aus, gute Arbeit zu leisten. Obwohl auch das nichts anderes als Prellsprünge auf intellektueller Ebene sind, lassen sich viele Chefs davon beeindrucken und lassen die imponierendsten Redner laufen. Die stillen, introvertierten, produktiven hingegen werden verkannt und gebissen.

Der alte Bulle und die Wölfe

Letzthin habe ich in einem Naturfilm noch ein drittes Verhalten gesehen, das mich einerseits verblüfft, andererseits aber an gewisse Situationen aus dem Berufsleben erinnert. Stellen Sie sich folgende Szene vor:
Yellowstone-Nationalpark. Es ist Winter, der Schnee liegt mehr als einen Meter hoch. Eine kleine Bisonherde wird von einem Wolfsrudel gejagt. Die schweren Tiere sinken tief in den Schnee ein, die Wölfe haben weniger Schwierigkeiten. Als letzter Bison läuft der Alpha-Bulle. Er merkt, dass er ermüdet, auch seine trächtigen Kühe werden nicht mehr lange durchhalten. Dann wird er wohl einige verlieren.

Plötzlich legt er sich noch einmal ins Zeug. Er erreicht einen fast ausgewachsenen Jungbullen, der leichter ist als er und deshalb mit dem hohen Schnee besser zurecht kommt. Der wird wohl keine Mühe haben, zu entkommen. Plötzlich rammt der alte Bulle mit seiner ganzen Masse das Jungtier. Das überschlägt sich und braucht eine Weile, um wieder auf die Beine zu kommen. Das reicht den Wölfen: Sie umkreisen ihn, sein Schicksal ist besiegelt.

Die Bisonherde aber und der alte erfahrene Bulle entkommen. Er hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat seine Kühe und Kälber gerettet und hat sich eines Rivalen entledigt, der ihm in ein oder zwei Jahren hätte gefährlich werden können.

Bossing nennt man das. Wenn der Druck auf einen Chef wächst, wird ein Bauernopfer gebracht. Ein potenter Mitarbeiter wird geschwächt, zum Straucheln und schließlich zu Fall gebracht. Das ist zwar nicht zum Besten der Firma, aber zum Besten des Chefs. Die Mitarbeiter schauen in dem solchermaßen vergifteten Umfeld weg, froh, nicht selbst das Opfer zu sein. Einige werden sogar mitmachen, und das sind nicht die besten. Sie tun das aus Selbstschutz und um sich beim Chef Liebkind zu machen und versuchen so ihre Minderleistung zu tarnen.

Von Tieren lernen

Sagen Sie also nicht, wir könnten von Tieren nichts lernen. Bei den Tieren sind die Gründe ihrer Handlungen leichter zu entschlüsseln, Sie können so einfacher Ähnlichkeiten zum Verhalten von Menschen finden, auch wenn deren Tarnung besser ist. Denn „soziale Organisation“ hin und „Pflicht zur Wertschätzung“ her, eine Firma ist nichts anderes als eine Horde hochtrainierter, intelligenter und damit potentiell gefährlicher Tiere, die sich selbst Menschen nennen.

Schauen Sie sich Naturfilme genau an! Achten Sie auf Ähnlichkeiten zum menschlichen Verhalten! Sie können viel lernen.

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