Von der Unmöglichkeit, n i c h t zu stellen

Aufstellungen – sei es das allseits bekannte Familienstellen oder das systemisches Stellen – wird von vielen immer noch als etwas Esoterisches wahrgenommen. Niemand weiß so recht, wie und warum es funktioniert, und somit ist es nicht wissenschaftlich untermauert, muss also Humbug sein. Weil man den Mechanismus hinter den Aufstellungen nicht erklären kann, lehnt man sie grundsätzlich ab  (siehe auch: Systemische Aufstellungen – Wundermittel, Hokuspokus?). Das ist so, als hätte man zu Watts Zeiten die Dampfmaschine abgelehnt, nur weil der Carnot’sche Kreisprozess noch nicht entdeckt war, oder als hätte der mittelalterliche Mensch das Feuer nicht genutzt, weil die dahinterstehende Chemie ihm noch unbekannt war.

Das zentrale Phänomen beim Stellen

Das zentrale Phänomen, auf dem Aufstellungen basieren, ist die repräsentative Wahrnehmung. Ein Mensch, der stellvertretend für ein Element der Aufstellung steht, ändert repräsentativ für dieses Element seine Befindlichkeit. Nimmt also wahr, wie es diesem Element in dem gestellten Kontext geht. Wie oder warum das funktioniert, ist bis heute unklar. Man weiß aber aus Tausenden von Aufstellungen, dass es funktioniert (siehe auch: Das Wissende Feld).

Einzelaufstellungen

Bei Gruppenaufstellungen wird für jedes Element des gestellten Systems ein Stellvertreter benannt und vom Klienten aufgestellt. Eine noch weiter gehende Abstraktion ist die Einzelaufstellung. Bei dieser werden zur Aufstellung sogenannte Bodenanker benutzt, in den meisten Fällen beschriftete A4-Blätter. Der Klient platziert die Bodenanker und stellt sich auf sie, um die jeweilige Rolle zu übernehmen. Ein sehr hilfreiches Instrument des Stellens dazu ist die kataleptische Hand des Coachs, die dem Klienten hilft, mit anderen Elementen des Systems in Kontakt zu treten (siehe auch: Erklärung zur systemischen Einzelaufstellung).

Auch eine noch weiter gehende Abstraktion funktioniert: Das Stellen am Systembrett. Ein Brett stellt dabei den Raum zum Stellen dar, die Symbole für die Stellvertreter sind kleine Figuren, die der Klient auf dem Brett platziert. Zum Übernehmen der jeweiligen Rolle berührt der Client eine Figur oder denkt sich in diese Figur hinein. Und auch diese Form des Aufstellens führt, richtig durchgeführt, zu guten Ergebnissen.

Kommunikation und Aufstellungen

Bekanntermaßen gibt es gute und schlechte Kommunikation. Aber, wie Watzlawick sagt, ist es unmöglich, nicht zu kommunizieren. So gibt es auch gute und schlechte Aufstellungen, aber es ist im täglichen Leben fast unmöglich, nicht aufzustellen. Denn die Gestik und Skizzen in einem Gespräch oder einer Präsentation führen ungewollt zu kurzen Aufstellungsszenen, bei denen sich der Vortragende und die Zuhörer unbewusst – aber nicht weniger wirksam – in die Rolle eines Elements des dargestellten Systems versetzen.

Aufstellung beim Vortrag

Wenn ein Redner zum Beispiel zwei Alternativen nennt und seine Hände zu deren Repräsentation einsetzt, geschieht das oft in der Form: „Einerseit [die linke Hand wird ausgestreckt] …  Andererseits [die recht Hand] … “ Mit einer wiegenden Bewegung werden dann die Argumente für die Alternativen bewertet. Da sich sowohl der Vortragende als auch die Zuhörer auf die Alternativen und nicht auf die Hände konzentrieren, werden die Hände kataleptisch, sie werden also als Stellvertreter der Alternativen gesehen. Ein ähnlicher Vorgang findet statt, wenn ein Redner bei einem Vortrag seinen Standort ändert, wenn er im Vortrag vom „Einerseits“ zum „Andererseits“ wechselt. Dazu reicht oft ein Schritt. Erfahrene Redner benutzen solche Mittel, um Vorträge „lebendiger“ zu gestalten. Kaum einer weiß, dass er damit eine kleine Aufstellung macht, und dass sie es ist, die den Vortrag lebendig gestaltet und die Zuhörer in ihren Bann zieht.

Repräsentative Wortwahl

Es gibt Sprichworte, Formulierungen und Aphorismen, die den Zuhörern erleichtern, Zusammenhänge aus einer anderen Warte zu sehen. Auch hier wird dann eine repräsentative Wahrnehmung erzeugt. Denken Sie nur an die Formulierung „sich in die Lage des anderen versetzen“. Oder an die indianische Forderung, „tausend Schritte in den Mokassins des anderen zu laufen“. Oder auch an die Forderung im Marketing, sich „auf den Stuhl des Kunden zu setzen“. Auch war es früher als Anmaßung verpönt, sich auf den Stuhl einer hochgestellten Persönlichkeit zu setzen. Dass also so etwas wie eine Aufstellung möglich ist und funktioniert, ist schon seit langer Zeit bekannt.

Aufstellung mithilfe einer Skizze

Auch wenn Sie einem Publikum am Flipchart eine Skizze zeigt, auf der verschiedene Elemente dargestellt sind, und dann auf einzelne Elemente hinweisen und Erklärungen zu ihnen geben, kann es zu aufstellungsähnlichen Zuständen im Publikum kommen. Skizzieren Sie zum Beispiel die Elemente einer Organisation und weist dann auf diese erklärend hin, sieht keiner mehr die mehr oder weniger schönen Kästchen oder Symbole, die Sie gezeichnet haben. Die meisten Zuhörer versetzen sich als temporärer Repräsentant in das Element hinein, für das das jeweilige Symbol gilt. Sie können diesen Effekt noch verstärken, indem Sie möglichst keine Beschriftungen einsetzen, sondern unterschiedliche Symbole. Denn das ansonsten notwendige Entziffern von Wörtern stört die repräsentative Wahrnehmung.

Noch besser ist es, wenn die Elemente durch Moderatorenkärtchen symbolisiert werden, die auf dem Flipchart verschoben werden können. Das ist dann faktisch eine Organisations-Aufstellung am Systembrett (siehe auch: Organisationsaufstellungen).

Fazit

Aufstellungsartige Vorgänge finden also im täglichen Leben völlig ungeplant und unbeabsichtigt statt. Sie lassen sich kaum vermeiden. Wer schon ein paar Mal an „richtigen“ Aufstellungen teilgenommen hat, bemerkt das auch. Wer Aufstellungen noch nicht erlebt hat, verlässt entsprechende Vorträge nur in dem Bewusstsein, vom Vortragen „völlig in den Bann“ gezogen worden zu sein. Dass die stellvertretende Wahrnehmung also auch bei ganz profanen Gesprächen und Vorträgen funktioniert, zeigt, dass die Technik des Aufstellens nicht so „esoterisch“ ist, wie immer wieder behauptet wird. Aufzustellen – auch im Berufsleben – ist kein Kunstfehler.

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