Wann ist ein Pferd tot?

„Dranbleiben! Nur so bist Du erfolgreich! Nicht aufgeben! Aufgeben ist nur etwas für Weicheier!“

Wenn man den Mental– und Erfolgstrainern glaubt, wäre jeder, der aufgibt, ein Verlierer. Gewinner geben angeblich niemals auf. Das ist also das Credo unserer Selbstoptimierungsgesellschaft. Gleichzeitig werden wir aber gewarnt, kein totes Pferd zu reiten. Es stimmt ja auch: Hätte VW früher seinen Fehler zugegeben und nicht versucht, bei seinen Lügen zu bleiben, wäre die Dieselblamage halb so schlimm geworden.
Also was jetzt? Aufgeben oder weitermachen?

Das „Geheimnis“ des Erfolgs

Was uns als Erfolgsgeheimnis verkauft wird, ist im Grunde gar nicht so geheim: man muss dranbleiben, solange es sich lohnt. Und aufhören, wenn es sich nicht mehr lohnt. Klingt einfach, aber wie immer steckt der Teufel im Detail.

Denn wo ist die Grenze? Lebt das Pferd noch oder läuft es nur noch als Zombie durch die Gegend? Oder fühlt es sich vielleicht tot an, ist aber noch quicklebendig und hängt im Augenblick nur ein bisschen durch, weil eine Steigung zu meistern ist? Diese Frage richtig zu beantworten, das ist die wahre Kunst.

Wir sind voreingenommen in unseren Beurteilungen

Unsere Voreingenommenheit, neudeutsch „bias“, bringt uns dazu, eine Frage, die eigentlich einfach zu beantworten wäre, falsch zu beurteilen.

  • Wir identifizieren uns mit unseren Zielen und Projekten. Müssen wir sie aufgeben, fühlen wir uns so, als würden wir einen Teil unserer Identität aufgeben. Es macht sich Trauer und Enttäuschung breit, die über sachliche Gründe hinausgeht.
  • Wir neigen dazu, an Projekten, in die wir schon viel Arbeit und Geld investiert haben, unbeirrt weiterzuarbeiten, auch wenn jeder Außenstehende sofort erkennt, dass es sich nicht mehr lohnt. Mit Blick auf das bisher Investierte glauben wir, der fehlende Aufwand wäre nur noch gering. So werfen wir, wie es im Sprichwort heißt, gutes Geld dem schlechten hinterher.
  • Kennen Sie die Geschichte mit dem gekochten Frosch? Diese etwas unappetitliche Metapher sagt, dass ein Frosch, den man in heißes Wasser wirft, sofort und mit aller Macht versucht, dem Topf zu entkommen. Erhitzt man dagegen das Wasser langsam, kaum merklich, dann paddelt der Frosch weiter im Topf herum, bis er gekocht ist. So geht es uns auch: Wenn ein Projekt sich immer weiter aber langsam verschlechtert, halten wir daran fest, wir merken nicht, wie schlecht es läuft. Es ist ja nur ein bisschen schlechter als letzte Woche, oder letztes Quartal: „Das wird schon wieder!“
  • Und schließlich sind die Wenigsten von uns bereit, einen Fehler zuzugeben. Wenn wir ein Projekt aufgeben, wird unser Fehler offensichtlich. Es war entweder falsch, das Projekt überhaupt anzufangen, oder wir haben es nicht geschafft, es erfolgreich zu beenden. Das Evidentwerden unseres Fehlers zögern wir hinaus, wir verschleiern gegenüber anderen und uns selbst, wie schlecht es läuft. Würden wir das Projekt begraben, wäre unser Fehler für alle sichtbar. Und so führen wir das Projekt weiter, in der Hoffnung, dass es eines Tages leise und unauffällig sein Leben aushaucht. Dieses Vorgehen muss uns noch nicht einmal bewusst sein, möglicherweise belügen wir uns selbst, ohne es zu merken.

Exzessive Persistenz

So nennen es Psychologen, wenn man an einmal gefassten Zielen klebt, obwohl es längst klar ist, dass sie nicht erreicht werden können. Klar braucht man für jedes Projekt eine gewisse Zähigkeit und ein angemessenes Durchhaltevermögen, aber man sollte auch aufgeben, wenn es keinen Zweck mehr hat. Steckt man zu viel Energie in ein unerreichbares Ziel, dann ist das kontraproduktiv. Es führt zu ständiger Frustration und depressiven Verstimmungen, außerdem vergibt man die Chance, andere, erfolgversprechendere Projekt anzugehen.

Flexibilität ist gefordert

Gerade bei einem Projekt, das diesen Namen auch verdient, ist es unvermeidlich, dass unerwartete Schwierigkeiten auftreten, die den Erfolg ernsthaft gefährden. Dann ist Flexibilität gefordert: Kann ich einzelne Teilziele erst einmal streichen? Erfüllt dann das Ergebnis immer noch die Anforderungen der Auftraggeber? Oder kann ich auf einem ganz anderen Weg deren Bedürfnisse befriedigen?

Dazu muss ich unbedingt mit meinen Mitarbeitern im engen Kontakt bleiben und muss sie ermutigen, Schwierigkeiten und Fehler offenzulegen. Die Mitarbeiter müssen lernen, ein totes Pferd zu erkennen, auch wenn sie nur ein ganz kleines Pferd reiten. Und dann müssen sich alle zusammensetzen und nach einer Lösung suchen. Wenn das rechtzeitig passiert, braucht das noch nicht einmal eine Krisensitzung zu sein. Dann kann man das Pferd noch herumreißen, bevor es in den Abgrund galoppiert. Übrigens, das nennt man Agilität!

Ausgeträumte Träume

Auch im Privaten gibt es Ziele, die sich als falsch herausstellen können. Laufe ich einem anderen Menschen weiter hinterher, obwohl er mich schon einmal abgewiesen hat? Will er nur sehen, wieviel er mir bedeutet, oder ist er wirklich nicht interessiert? Und wenn ich verheiratet bin, ist meine Ehe wirklich noch lebendig oder ist sie nur noch eine Gewohnheitssache? Und wenn ja, lohnt es sich, etwas für ihre Wiederbelebung zu tun, gibt es also noch ein Wir-Gefühl?

Bin ich wirklich in der Lage, mich selbstständig zu machen und eine eigene Firma zu führen, oder bin ich dazu nicht geeignet oder habe zu den dann anstehenden Aufgaben keine Lust? Und der Traum, Künstler zu werden, reicht dazu meine Begabung aus? Gibt es genügend Leute, die bereit sind, mir für meine Kunst ausreichend Geld zu bezahlen?

Auch für unsere privaten Ziele und Träume brauchen wir den Realitäts-Check. Denn wer ständig einem unerreichbaren Traum hinterherläuft, ist nicht offen für realistische Ziele und ständig unzufrieden mit seiner Situation.

Wie gebe ich gekonnt auf?

Das Aufgeben eines Ziels oder eines Vorhabens ist, wie oben bereits beschrieben, sowohl schwer als auch schwierig. Es sollte in vier Schritten erfolgen:

  • Lassen Sie das Vorhaben wirklich los. Keine Hintertür! Treffen Sie konkrete Maßnahmen, das Vorhaben abzuschließen. Und wenn es Ihnen von einem Auftraggeber erteilt wurde, schenken sie ihm reinen Wein ein. Sagen Sie ihm genau, warum Sie seine Ziele nicht verwirklichen können. Vor allem, bieten sie ihm Alternativen. Auch wenn Frau Merkel etwas anderes sagt, kein Vorhaben ist alternativlos.
  • Lassen Sie sich selbst und ihren Mitarbeitern Zeit, mit dem Vorhaben abzuschließen und aufzuräumen. Erarbeiten Sie mit ihnen zusammen, was Sie von diesem Vorhaben gelernt haben. Und rechnen Sie auch für sich selbst eine Trauerphase ein, denn das Aufgeben eines Projekts, in das man viel Herzblut gesteckt hat, ist eine Trennung und von daher mit Trauer verbunden.
  • Lernen Sie mit den negativen Gefühlen umgehen, mit dem Gefühl des Versagens, mit dem Gefühl, Fehler gemacht zu haben. Nehmen Sie Ihre Gefühle wahr und akzeptieren Sie diese. Sprechen Sie über ihre Gefühle, wenn Sie das können, und lassen Sie los. Vielleicht haben Sie versagt, aber Sie sind deshalb kein Versager!
  • Setzen Sie sich neue Ziele. Versinken Sie nicht in Selbstmitleid oder Hoffnungslosigkeit. Es ist eine Plattitüde, aber in dem Fall stimmt sie: Das Leben geht weiter!

Fazit

Zähes Verfolgen eines Projekts ist sicherlich eine Tugend. Ein gestorbenes Projekt aufgeben zu können, ist eine andere, die viel Mut erfordert. Das schwerste ist aber, ein hoffnungsloses Projekt von einem zu unterscheiden, das Erfolg haben könnte und bei dem es sich lohnt, dranzubleiben. Versuchen Sie, Ihre laufenden Projekte „von außen“ zu betrachten, schätzen Sie realistisch den noch zu leistenden Aufwand ab und setzen Sie ihn in Beziehung zu dem Schaden, den das Aufgeben des Projekts nach sich ziehen würde. Beurteilen Sie aber bitte nie die Sinnhaftigkeit eines Projekts nach dem bereits geleisteten Aufwand. Den bekommen Sie nicht zurück. Egal, ob Sie das Projekt stoppen oder weiterführen.

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