Fairness ist nur was für Weicheier

In vielen Firmen gilt faires Verhalten als naiv, unfaires hingegen als durchsetzungsstark. Mit unfairem Verhalten zeigt man Ellenbogen, ist für Führungspositionen geeignet. Wo kämen wir auch hin, wenn Vorgesetzte für das seelische Wohlbefinden der Mitarbeiter verantwortlich gemacht werden!

Und so wird nach unten getreten und nach oben gebuckelt. Weil man selbst unfair behandelt wird, lässt man das an hierarchisch niedriger Stehenden aus. So tut man etwas für sein eigenes Wohlbefinden und empfiehlt sich selbst als taff.

Was ist unfaires Verhalten?

Fairness ist eine Form der Gerechtigkeit, die nicht gesetzlich geregelt ist, aber trotzdem von den meisten Menschen als fair erkannt wird. Sie basiert auf Anstand, Gerechtigkeit und angemessener Behandlung des Gegenübers. Menschen möchten gerecht behandelt werden, sie erwarten eine faire Gegenleistung für ihren Einsatz. Entsteht hier ein Ungleichgewicht, versuchen sie, dieses auszugleichen, durchaus auch mit unfairen Mitteln.

Da Fairness nirgends festgeschrieben ist, dadurch ist sie oder ein Verstoß gegen sie von außen nur schwer zu erkennen. Jeder hat eine andere Auffassung davon, was fair ist. Ein Therapeut würde sagen, dass derjenige unfair behandelt wurde, der sich unfair behandelt fühlt, aber das ist kein Maßstab, der im Beruf gelten kann. Denn hier kommt es darauf an, einen Ausgleich der Interessen verschiedener Mitarbeiter zu erreichen.

Die Folgen von unfairem Verhalten im Beruf

Wer sich ungerecht – also unfair – behandelt fühlt, nicht einmal – mehr oder weniger aus Versehen – sondern systematisch, und sich nicht wehren kann, ist frustriert. Er oder sie versucht dann, diesen Frust weiterzugeben, oder, wenn das nicht geht, sich zurückzuziehen. Dienst nach Vorschrift, innere Kündigung und passive Aggressivität sind die Folge. Der unfair behandelte wartet förmlich darauf, dass der Vorgesetzte, von dem die Unfairness ausging, einen Fehler macht, um ihn schadenfroh ins offene Messer rennen zu lassen. Der Vorgesetzte ahnt das, und wird alles tun, einen Fehler zu vermeiden oder diesen Fehler jemand anderem in die Schuhe zu schieben, also eine weitere Unfairness zu begehen.

Das Klima in der Abteilung leidet, jeder ist nur noch damit beschäftigt, sich rückzuversichern, keiner geht ein Risiko ein. Die Kreativität schwindet mehr und mehr, eine Fehlerkultur wird nicht gepflegt.

Nun sollte man meinen, dass Menschen, die durch unfaires Verhalten einen Vorteil haben, besonders glücklich sind. Das stimmt aber nicht, denn sie wissen insgeheim, dass sie sich den Vorteil nicht verdient haben, sondern dass er auf einer Ungerechtigkeit basiert. Sie haben Angst, dass ihnen der Vorteil wieder genommen wird und halten sich deshalb entweder zurück oder werden als Abwehr gegen das eigene schlechte Gewissen besonders rabiat und unfair. Allerdings gilt das nur für „normale“ Menschen, Narzissten sind immer unfair und haben damit auch kein Problem. Sie denken, dass Ihnen sowieso Sonderrechte zustehen.

Unfaires Verhalten ist teuer

Wer sich gegenüber Kollegen und Mitarbeitern unfair verhält, ist nicht taff, sondern kostet der Firma bares Geld. Es ist Menschen wichtig, Fair behandelt zu werden, und was Menschen wichtig ist, darf Chefs nicht gleichgültig sein. Denn ob Mitarbeiter gerne, gut und kreativ ihre Aufgaben erfüllen, hängt weniger von der Firma ab. Mitarbeiter kündigen, auch innerlich, wegen ihren Vorgesetzten. Und so werden Sie als Führungskraft nur dann produktive Mitarbeiter haben, wenn Sie fair sind und Unfairness unter ihren Mitarbeitern nicht zulassen.

Zu Unfairness gehört auch, spezielle „Lieblinge“ unter seinen Mitarbeitern zu haben, denen man alles durchgehen lässt. Die anderen sehen dann keinen Grund mehr, sich anzustrengen, denn Erfolge werden ja doch nur diesen Lieblingen zugeschrieben. Woher diese Vorliebe für einzelne Mitarbeiter kommt, ist dabei sekundär. Möglicherweise hat dieser Mitarbeiter eine ähnliche Auffassung wie der Chef oder kann sich chamäleonartig anpassen. Oder die Person erscheint besonders attraktiv, flirtet vielleicht sogar mit dem Chef / der Chefin. Oder beherrscht die Klaviatur des Mobbings anderer Mitarbeiter besonders gut und setzt jeden herab, der ihm oder ihr gefährlich werden könnte.

Fairness im Berufsleben ist besonders schwierig

Das alles muss eine Führungskraft erkennen, rasch und sicher, und baldmöglichst dem Verhalten entgegensteuern. Hören Sie Leuten zu, die eine andere Meinung haben als Sie. Sie können dabei wichtige Anregungen bekommen und Neues lernen. Von Ja-Sagern erfahren Sie nichts, was Sie nicht selbst schon zu wissen glauben und für richtig halten.

Machen wir uns nichts vor, niemand ist immer fair. Jedoch merken andere Menschen sehr schnell, ob unfaires Verhalten gewollt ist und sogar unterstützt wird, oder ob es aus Unachtsamkeit geschieht. Ein Fehler wird verziehen, Absicht nicht.

Es gibt natürlich auch Querulanten, die sich über alles und jede/n beschweren, aber die sind kein Grund, von einer fairen Haltung abzuweichen. Deren Schwierigkeiten liegen woanders, nicht in erlittener, sondern in empfundener Unfairness, und deren Probleme können von Ihnen nicht gelöst werden. Denken Sie dennoch daran, dass kein Mensch als Querulant geboren wird, sondern durch seine Lebensumstände zum Querulanten gemacht wird. Und zu den Lebensumständen gehört durchaus auch die Arbeitsumgebung. Schauen Sie also genau hin, unter welchen Bedingungen der vielleicht nur vermeintliche Querulant arbeiten muss.

Was tun gegen Unfairness?

Wir wissen also, Unfairness ist teuer für das Unternehmen, in dem Sie arbeiten. Wenn wir daran interessiert sind, das Beste für das Unternehmen zu tun, sollten wir also Unfairness verhindern. Und das, liebe Freunde guter Führung, fängt bei uns zuerst an.

Wer achtsam mit seinen Mitmenschen – ja, auch Mitarbeiter sind Menschen – umgeht, merkt sehr schnell, wenn sich jemand unfair behandelt fühlt. Tun Sie das nicht ab mit dem beliebten Satz: „Der/die soll sich nicht so anstellen!“, oder: “Das Leben ist nun mal kein Ponyhof!“  Fragen Sie sich zuerst selbst, wie Sie den Mitarbeiter möglicherweise unfair behandelt haben, und dann fragen Sie den Mitarbeiter – alleine, nicht coram publico.

Ist tatsächlich eine Ungerechtigkeit passiert und kann diese nicht rückgängig gemacht werden oder ist aus irgendwelchen Gründen unvermeidlich, streben Sie eine Kompensation und eine Aufwertung des unfair Behandelten an. Oft reicht es auch, die Situation zu klären und die Gründe für das eigene Handeln offenzulegen. Allerdings können Sie in der Regel nichts gegen Überempfindlichkeiten des Mitarbeiters tun, fragen Sie sich aber immer, ob wirklich eine Überempfindlichkeit vorliegt.

Fairness als Führungskompetenz

Als Vorgesetzter fair zu sein und Unfairness nicht zuzulassen ist schwierig, weil wir gerade die Menschen nicht bevorzugen dürfen, mit denen wir besonders gut können. Es ist notwendig, das eigene Handeln ständig zu beobachten und Fehler zuzugeben. Es sind offene – auch ergebnisoffene – Gespräche mit den Mitarbeitern zu führen, die oft nicht einfach sind. Wir müssen uns gerade um unbequeme Mitarbeiter kümmern und ihre Motive verstehen lernen.

Fazit

Unfaires Verhalten ist also in jedem Fall zu bekämpfen, weil es das Arbeitsklima vergiftet und die Leistung einer Arbeitsgruppe herabsetzt. Dabei gilt, dass sich unfaires Verhalten von oben nach unten durchsetzt. „Oben“ muss also angefangen werden, fair zu handeln. Hier gilt eindeutig, dass der Fisch vom Kopf her anfängt zu stinken. Überprüfen Sie also Ihr Führungsverhalten!

Das alles ist Arbeit und kratzt am eigenen Selbstwertgefühl. Fairness verlangt ein hohes Maß an Sozialkompetenz und Reziprozität. Wir können also als Gegenthese der Überschrift festhalten:

Unfaires Verhalten dulden nur Weicheier!

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