Der ist so!

Hat ein Mensch bestimmte Eigenschaften? Verhält er sich also durchgehend und verlässlich gleich oder mindestens ähnlich? Kann man also über einen Menschen sagen: „Der ist so!“?

Wenn das stimmen würde, wäre das ausgesprochen praktisch. Persönlichkeitstests würden dann funktionieren und verlässlich darüber Auskunft, ob jemand für eine bestimmte Aufgabe geeignet ist. Sogar die einfache zweidimensionale Einordnung wäre dann allgemeingültig, Sie kennen sie bestimmt: Sonne- oder Mond-, Erde- oder Sterne-Typ. Mit der ließe sich dann erkennen, welche Mitarbeiter wir zusammenarbeiten lassen müssten, damit ein Projekt klappt.

Die Typisierung eines Menschen

Auch die Typisierung nach den Big Five (Sie erinnern sich: Extraversion, Stabilität, Gewissenhaftigkeit, Umgänglichkeit, Konventionalität) würden uns dann über das Wesen eines Menschen verlässlich Auskunft geben. Deshalb wäre es schön, wenn die Persönlichkeit von Menschen stabil wäre, wenn wir uns also darauf verlassen könnten, dass sie sich in jeder Situation und in jeder Umgebung gleich verhalten würden. Sie wären dann berechenbar, einfach einzuschätzen und somit auch leicht zu behandeln.

Nun wird die Persönlichkeit eines Menschen sicher zum Teil von seinen Genen beeinflusst. Wir wissen, dass zum Beispiel die Hormone uns weitgehend beeinflussen können, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Der Hormonspiegel wird zum größten Teil genetisch beeinflusst. Auch die Intelligenz wird zum Teil vererbt, aber die Vererbung ist immer nur die halbe Miete. Denn die Vererbung bestimmt nur unsere Neigung zu einem Verhalten. Wie wir tatsächlich in einer bestimmten Situation reagieren, ist nicht durch die Gene festgelegt.

Und was sagt ein Systemiker dazu?

Die Systemische Theorie besagt, dass Menschen wahrscheinlich keine Eigenschaften haben, und wenn sie welche haben, andere sie nicht erkennen können – sie spricht sogar dem Menschen selbst ab, eigene Eigenschaften erkennen zu können. Wir können allerdings erkennen, wie ein Mensch reagiert und wie er sich äußert. Das allerdings können wir nicht vorausberechnen, denn dies ist abhängig von vielen unbekannten, ja zum Teil sogar unbewussten Faktoren:

  • von der Erziehung
  • von früheren Erlebnissen
  • von dem System, in dem dieser Mensch gerade tätig ist
  • von erlittenen Traumata
  • von vererbten genetischen Anlagen
  • von seiner epigenetischen Ausstattung

All diese Punkte sind veränderbar, sogar der Einfluss der Genetik kann verringert werden.

Die größte Rolle spielt sicher der systemische Zusammenhang. Mit welchen Anderen arbeitet der Mensch zusammen? Wie reagieren diese in bestimmten Situationen? So ist es möglich, dass jemand in einer anderen Situation völlig anders typisiert werden müsste. Jemand, der sich im Beruf geradezu servil verhält, im Schützenverein dominant auftritt und zuhause ein liebevoller Ehemann und Vater ist. Oder dass jemand völlig unterschiedliches Verhalten zeigt, je nachdem, in welcher Arbeitsgruppe er gerade tätig ist.

Menschen sind also keine Automaten, was einige sicher sehr bedauern. Denn sie wissen aus Erfahrung, dass sie das zukünftige Verhalten eines Mitarbeiters, und ob er sich für eine bestimmte Aufgabe eignet, nicht vorhersagen können. Sie flüchten sich also in obskure Persönlichkeitstests, wie den Mayer-Briggs-Typenindikator, um bei einem Misserfolg keine Verantwortung übernehmen zu können. Denn nicht sie haben dann die falsche Entscheidung getroffen, es war der „wissenschaftliche“ Test, sie haben sich ja nur an Zahlen, Daten, Fakten gehalten. Dabei hat sich eigentlich niemand geirrt, denn die Eignung eines Mitarbeiters ist grundsätzlich nicht völlig vorhersehbar. Allerdings, oft funktionieren die Tests aus einem ganz anderen Grund: als selbsterfüllende Prophezeiung, bei der wieder nicht die Eigenschaft eines Menschen ausschlaggebend war, sondern die Randbedingungen, unter denen er arbeitet.

Ein Beispiel

Ich habe in diesem Zusammenhang schon erstaunliche Dinge beobachten können und möchte Ihnen gerne ein Beispiel schildern:

In einer Arbeitsgruppe wurde ein Mitarbeiter von allen anderen gemobbt. Der Chef bemerkte das, versetzte den Mitarbeiter in einen anderen Bereich und stellte für die vakante Stelle jemand anderes ab. Um nicht denselben Ärger wieder zu bekommen, achtete er darauf, dass der neue Mitarbeiter ein völlig anderer Typ war als sein Vorgänger. Eigentlich eine richtige Maßnahme – sollte man meinen. Umso verblüffter war er, als der Neue plötzlich ein ähnliches Verhalten wie der vorherige Mitarbeiter zeigte und innerhalb kürzester Zeit wieder zum Mobbingopfer wurde.

Was war passiert? Das System, also die Arbeitsgruppe, hatte sich gegen Veränderungen heftig gewehrt. Systeme scheinen einen eigenen Willen zu haben und sind vor allem bestrebt, sich selbst zu erhalten. Jede Änderung wird als Bedrohung der eigenen Existenz empfunden, und dieses System brauchte für sein Fortbestehen ein Mobbingopfer. Der Chef hätte also zuerst die Randbedingungen für die Arbeitsgruppe so ändern müssen, dass kein Mobbingopfer mehr nötig gewesen wäre und erst dann – wenn noch notwendig – Personalentscheidungen fällen müssen.

Das Beispiel zeigt also, dass Menschen keine konstanten und unveränderlichen Eigenschaften haben, sondern dass sich ihr Verhalten blitzschnell ändern kann, wenn sie in eine andere Umgebung kommen. Sie werden also von ihrer Umgebung auf nicht vorhersehbare Weise geprägt. Persönlichkeitstests können also keine zuverlässigen Ergebnisse zeigen, denn sie finden nicht in der gleichen Umgebung statt, in der das Verhalten beurteilt werden soll. Wenn der gleiche Test einige Wochen später in einer anderen Umgebung gemacht wird, zeigt er völlig andere Ergebnisse, selbst wenn der Mitarbeiter meint, bei beiden Tests völlig authentisch geantwortet zu haben.

Fazit

  • Menschen haben keine Eigenschaften, sie tun nur so.
  • Wir können nur das Verhalten eines Menschen erkennen und beurteilen, nicht seine Eigenschaften.
  • Das Verhalten eines Menschen ist wesentlich von der Umgebung abhängig, in der er sich befindet.

Autor: Roland Scherer

Roland Scherer, Jahrgang 1951, Buchautor, systemischer Personal und Life-Coach. Ausbildung und Zertifizierung zum Psychologischen Berater und Coach. Sein Schwerpunk liegt auf lösungsfokussierte Gesprächsführung, systemisches Denken und Handeln und Aufstellungen. Er praktiziert seit Jahren im Rahmen der Begleitung seiner Klienten Systemische Aufstellungen, wobei er die Systemische Struktur-Aufstellung nach Insa Sparrer und Mathias Varga von Kibéd als besonders hilfreich erfahren hat.

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