Vernebeln Gefühle den Geist?

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Was sind Gefühle? Gefühle bewusst werden und genau zu betrachten hilft, sie zu verstehen und zu ändern, um sie in unser tägliches Leben zu integrieren .Es wird jedenfalls oft gesagt, dass Gefühle schädlich seien. Ein intelligenter Mensch ließe sich nicht von Gefühlen beeinflussen, er vertraue auf seinen Intellekt. In neuerer Zeit wird allerdings immer klarer, dass Gefühle wichtig sind, um die Welt zu begreifen (man nennt es dann „emotionale Intelligenz“, das klingt besser). Denn diese unsere Welt ist chaotisch, in ihr Ursache und Wirkung herauszufinden, ist oft nicht möglich. Da ist es in manchen Situationen sinnvoll, sich auch auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Gefühle sind also gut dafür, in unübersichtlichen Situationen rasch sinnvoll reagieren zu können. Wenn wir vor jeder Handlung alles mit dem Verstand zu ergründen versucht hätten, wären wir längst ausgestorben. Auf der anderen Seite: Wir müssen unsere Gefühle auch kontrollieren. Ich kann nicht einfach einen Kollegen anbrüllen, nur weil er mir widerspricht und ich deshalb wütend bin.

Wie entstehen Gefühle?

Sinnvoll ist es also, sich zu überlegen, wie Gefühle entstehen. Wir denken immer, dass das Verhalten eines Anderen oder eine erlebte Situation in uns ein Gefühl erzeugt. Das stimmt nicht. Der Andere oder die Situation sind nur der Anlass für das Gefühl. Das Gefühl selbst erzeuge ich durch Interpretation und Bewertung des bisher Erlebten. Wenn wir einen Blumenstrauß geschenkt bekommen, dann freuen wir uns über die Blumen. Das ist selbstreflektiv und vom Sachverhalt her völlig richtig. Wir sagen nicht „Die Blumen erfreuen mich!“ Dieser Ausdruck ist falsch. Das merken wir daran, dass dieselben Blumen uns nicht erfreuen könnten, wenn unser Partner fremd gegangen wäre und sie uns als „Drachenfutter“ mitgebracht hätte. Dann ärgern wir uns wahrscheinlich nur über die Blumen.

Genau so kann sich jemand wenig über ein Geschenk freuen, der in seiner Kindheit vermittelt bekommen und gelernt hat, dass er nichts wert wäre oder dass er bescheiden zu sein hätte. Wenn wir ihm Blumen mitbringen, sagt er nicht einfach „Danke!“ sondern: „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“  oder: „Das Geld hättest Du besser dem Tierheim gespendet für die armen, ausgesetzten Hunde!“ Einem solchen Menschen ist ein Geschenk  vielleicht sogar peinlich. Er schämt sich, es anzunehmen.

Was sind nun die wesentlichen Gefühle?

Nach dem Gefühlskompass der Trainerin Vivian Dittmar sind das Freude, Trauer, Angst, Wut und Scham. Wir merken schon, das einzige Gefühl, das wir positiv interpretieren, ist die Freude. Und da mit negativ empfundenen Gefühlen die meisten Menschen schlecht umgehen können, unterdrücken sie alle Gefühle.

Gefühle sind zuerst einmal wertfrei. Wut zum Beispiel hilft uns, die Initiative zu ergreifen, wenn wir mit einer Situation nicht einverstanden sind. Ohne Wut hätten wir keinen Anlass, etwas zu ändern. Deshalb ist Wut in bestimmten Situationen eine hilfreiche Ressource. Wut hilft uns allerdings nicht, wenn wir an der Situation nichts ändern können. Auch ist sie kontraproduktiv, wenn wir uns über eine bestimmte Situation ärgern und die Wut dann an Menschen auslassen. Denn merke! Wir ärgern uns nicht über Menschen, sondern über ihr Verhalten. Und meistens deshalb, weil wir ein Muster haben, nach dem wir das Verhalten interpretieren. Das Muster kann aus unserer Kindheit stammen und/oder das Ergebnis einer Übertragung* sein. Deshalb sollten wir uns beim Auftreten eines Gefühls immer fragen:

  • Kenne ich das Gefühl? Woher? Wann habe ich es das letzte Mal gespürt?
  • Gibt es mir oder kostet es mich Kraft? Nur ein Gefühl, das mir Kraft gibt, sollte ich akzeptieren.
  • Ist das Gefühl der Situation angemessen oder habe ich es aus meiner Kindheit übernommen? Ist es eine Übertragung?

Gefühle können wir durchaus an somatischen Empfindungen fest machen. Nicht umsonst sagt man: „Wenn ich das sehe, habe ich Bauchweh!“, oder: „Da könnte ich kotzen!“

Auch das von uns als positiv definierte Gefühl der Freude kann negativ sein. Wenn z. B. die Freude eine Illusion erzeugt, schadet sie uns eher. Wir kennen das, wenn wir uns über die Beziehung zu einem Menschen freuen, obwohl dessen Verhalten uns schadet.

Sehen wir uns die oben genannten Gefühle mit ihren positiven (+) und negativen (-) Auswirkungen an:

  • Freude: (+) Wertschätzung, was mir gefällt (-) Illusion
  • Angst: (+) Kreativität, um der Situation zu entkommen (-) Lähmung
  • Wut: (+) Klarheit darüber, was mich stört (-) Zerstörung, Aktionen gegen das Falsche
  • Trauer: (+) Annahme des Verlustes (-) Passivität, in Trauer versinken
  • Scham: (+) Selbstreflektion, um mein Verhalten zu ändern (-) Selbstzerfleischung, ohne in Handlung zu gehen

Zusammen mit den oben genannten drei Fragenkomplexen kann uns also die genaue Betrachtung der Gefühle helfen, von ihnen zu profitieren. Dazu müssen wir bereit und in der Lage sein, Gefühle zuzulassen, zu erkennen und genau zu betrachten. Dazu sollten wir uns unserer Vorbehalte gegenüber Gefühlen bewusst werden und sie annehmen, um sie so in unser tägliches Leben integrieren zu können. Es ist eine Tatsache: Was wir unterdrücken, wird in unserem Unterbewusstsein nur noch stärker. Unterdrückte Gefühle vernebeln tatsächlich den Geist.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist, wenn man sein ganzes Leben darauf getrimmt war, Gefühle zu unterdrücken oder sich verboten hat, sie wahrzunehmen. Ich begleite Sie gerne auf diesem manchmal steinigen Weg und kontaktieren Sie mich. Wir können gemeinsam erfahren, wie Ihnen Ihre Gefühle helfen.

* Übertragung ist ein Fachbegriff aus der Psychoanalyse. Eine Übertragung findet statt, wenn man z. B. unbewusst seinem Chef die Rolle seines Vaters zuweist und so eigene, in dieser Situation unangemessene Gefühle reaktiviert. Eine Gegenübertragung findet dann statt, wenn der Chef dann auch noch dem Mitarbeiter die Rolle des Sohnes unbewusst zuweist.

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