Verantwortung tragen

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Angenommen, ein Mitarbeiter eines Unternehmens wurde für eine bestimmte Arbeit eingestellt, meinetwegen am Band Schrauben in ein Werkstück zu drehen. Er tut das auch eine Zeitlang, aber dann wird ihm das langweilig. Er überredet jemand anderen, die Schrauben reinzudrehen und geht selbst spazieren. Man kann das ja verstehen, den ganzen Tag Schrauben drehen, das ist langweilig.

Eine Zeitlang geht das gut, schließlich sind die Schrauben ja im Werkstück, wenn es das Band verlässt. Aber dann wird er erwischt, abgemahnt, noch einmal erwischt und dann fristlos gekündigt. Ohne Abfindung. Ist das gerecht? Aber ja doch, er hat jemand anderen dazu missbraucht, seine Arbeit zu machen und selbst nichts getan, obwohl in seinem Arbeitsvertrag steht: „Schrauben reindrehen!“ Er wusste schließlich vorher, was er zu tun hatte, und dass das langweilig werden würde. Er hat sich trotzdem entschlossen, den Job zu übernehmen, und er hat sich dafür bezahlen lassen. Wenn er seine Arbeit also nicht macht, ist das Betrug und wird geahndet.

Wer ist verantwortlich?

Jetzt nehmen wir einmal an, ein anderer wird eingestellt, und in seinem Arbeitsvertrag steht: „Verantwortung übernehmen“. Und die Firma läuft gut und er übernimmt dafür gerne die Verantwortung. Aber dann passiert ein Fehler, genauer gesagt, eine Riesensauerei. Als das dann aufgedeckt wird, hat er nichts Besseres zu tun, als sich vor der Verantwortung zu drücken: Er habe davon nichts gewusst und schuld sei jemand anderes, den er auch sogleich als Sündenbock präsentiert. Das kann man verstehen, denn Verantwortung für einen Fehler zu übernehmen, ist keine angenehme Sache.

Aber das wusste er vorher, es steht ja schließlich in seinem Vertrag, dass er Verantwortung zu übernehmen hat. Das kann nunmal unangenehm werden. Wird er entlassen, weil er seinen Vertrag nicht erfüllt hat? Nein, natürlich nicht, der Sündenbock wird gefeuert. Und weil es so gut geklappt hat, macht er das noch ein paar Mal.

Seine Mitarbeiter stellen sich auf sein Verhalten ein. Sie sind eigentlich nur noch damit beschäftigt, sich abzusichern, damit sie nicht die nächsten Sündenböcke werden. Die Arbeit machen nur noch subalterne, da sie aber ohne Führung sind, geht das nicht allzu gut. Und die fangen natürlich auch an sich abzusichern, denn ihre Chefs haben ja vom Oberboss gelernt, wie man sich drückt und jemanden anderen die Sache ausbaden lässt.

Doch eines Tages dringt eine Sache an die Öffentlichkeit, der Oberboss ist nicht mehr zu halten. Wird er jetzt fristlos gefeuert? Nein, er wird freigestellt und bekommt eine Abfindung, die höher ist als das Lebensverdienst des Schraubenreindrehers. Auch die Werksrente wird natürlich nicht gestrichen. Und nach einer kurzen Anstandspause „übernimmt er Verantwortung“ im nächsten Unternehmen.

Ist er ein Betrüger, wie der spazierengehende Schraubenreindreher? Der normale Mensch würde sagen: „Ja!“ Aber auf normale Menschen kommt es nicht an. Diejenigen, auf die es ankommt haben ja selbst „Verantwortung übernehmen“ in ihren Arbeitsverträgen stehen, und hoffen, im Zweifelsfall genau so gut wegzukommen.

Verantwortung im Projekt

Als Projektleiter tragen auch Sie Verantwortung. Allerdings nur für Ihr Projekt. Also sind Sie hierarchisch nicht hoch genug angesiedelt, als dass Sie sich straflos vor der Verantwortung wegducken könnten. Versuchen Sie also erst gar nicht, einen Sündenbock zu präsentieren, um sich selbst aus dem Feuer zu nehmen. Es wird wahrscheinlich nicht klappen. Und wenn es klappt, ist das noch schlimmer. Denn dann werden sich Ihre Mitarbeiter nur noch auf ihre eigene Sicherheit konzentrieren, neue Ideen sind dann passée. Und ohne neue Ideen geht ihr Projekt den Bach hinunter, was nicht gut für Ihre Karriere ist, wie Sie bestimmt ahnen.

Wenn man Ihnen also Verantwortung übertragen hat und Sie haben diese übernommen, seien Sie ein echter Mann – auch wenn Sie biologisch eine Frau sind – und tragen Sie die Verantwortung mit aller Konsequenz. Man wird Sie sowohl „oben“ als auch „unten“ dafür achten. Wenn Sie versuchen, sich aus der Verantwortung zu stehlen, haben Sie Ihre Reputation verspielt, endgültig! Einige Leute scheint das nicht zu kümmern, aber wer nachhaltig denkt und auch nur einen Funken Ehre im Leib hat, wird das vermeiden.

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