Muss immer alles klar sein? Umgang mit Unsicherheit und Angst

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Nicht alles im Leben ist unsicher. Es gibt Dinge, auf die wir uns in Zeiten der Unsicherheit verlassen können. Umgang mit Unsicherheit und Angst lernen.Wenn ich so schon frage, ist die Antwort zu erahnen: Nein, unsichere Situationen, Unwägbarkeiten und mangelnder Durchblick sind normal. In unserem ganzen Leben gibt es immer wieder Situationen, bei denen wir nicht durchblicken. Von daher sollten wir genügend Übung haben, mit solchen Situationen klar zu kommen, oder?

Leider aber stressen uns Unsicherheiten, und schlimmer noch, je mehr wir gestresst sind,  umso größer ist unser Verlangen nach Klarheit. Und dann werden wir anfällig auf Rattenfänger, die mit scheinbar einfachen und im ersten Augenblick einleuchtenden Antworten, diesen Stress auflösen. Die erhalten in stressigen Zeiten besonders viel Zulauf, sowohl in der Politik („Flüchtlingsproblem“), als auch im Beruf. Wenn es einer Firma schlecht geht oder ein Projekt zu kippen droht, werden wir anfällig für den „Grand Simplificateur“ und seine populistischen Lösungen und fahren dadurch erst recht den Karren gegen die Wand.

Umgang mit Unsicherheit und Angst

So wie es notwendig ist, Belastungen aushalten zu können (Resilienz), ist es auch notwendig, Unsicherheiten („Ambiguitäten“) zu ertragen und sogar damit zu arbeiten. Wir haben ein hohes Bedürfnis danach, mehrdeutige Situationen eindeutig zu machen, sie kognitiv abzuschließen.  Aber wie es nun einmal im Leben ist, gerade dieses Bedürfnis lässt sich nicht immer und vor allem nicht sofort befriedigen. Hier ein paar gefährliche Verhaltensweisen, zu denen uns der dadurch auftretende Frust und die Angst vor Versagen bescheren kann, und die die Komplexität einer Situation unzulässig vereinfachen:

  • Übereilte Entscheidungen
    Menschen mit einem starken Drang nach geschlossenen Lösungen tendieren dazu, Diskussionen abkürzen zu wollen, indem sie sich entweder brachial durchsetzen oder vorschnell einem Meinungsführer zustimmen. Sie neigen zu blindem Aktionismus.
  • Falsche Bewertung von Informationen
    Unter Druck neigen wir besonders dazu, nur noch die Informationen als wichtig zu erachten, die unsere vorgefasste Meinung bestätigen. Damit werden Entscheidungen scheinbar einfach.
  • Manipulation durch Vorabinformationen
    Vorabinformationen – seien sie nun richtig oder falsch – lassen vor allem Menschen mit einem hohen Bedürfnis nach geschlossenen Lösungen eine Situation, die sie gerade erleben, nicht so bewerten, wie sie ist. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, sondern entweder in einer manipulativ bewerteten Vergangenheit (Vorurteil) oder in einer gedachten Zukunft (Befürchtung).
  • Empfänglichkeit für Autoritäten
    Eine Person, die in einer unsicheren Situation autoritär auftritt, hat gerade in wirtschaftlich schwierigen Situationen die Chance, alle um sich zu scharen, weil sie das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigt. Unser Drang zum Konformismus nimmt zu, und das wird von Menschen mit narzisstischen Anlagen ausgenutzt, denn die können sich kaum vorstellen, dass sie sich irren könnten.

Wir wissen, die scheinbar einfachste Lösung ist nicht unbedingt die beste. Was können wir also tun, wenn uns die Unsicherheit drückt und wir nur allzu gerne diesem Druck ausweichen würden, um der steigenden Angst und dem dadurch steigenden Stress zu entgehen? Wie kommen wir aus der Falle der unzulässigen Vereinfachung heraus? Wie können wir mit der Ambiguität fertig werden?

Nicht alles ist unsicher

Machen wir uns klar: Nicht alles ist unsicher. Es gibt Dinge, auf die wir uns in Zeiten der Unsicherheit verlassen können. Erinnern wir uns daran, auf was wir uns in der Vergangenheit verlassen konnten. Eng mit diesem Rückgriff auf die Inseln der Sicherheit und Eindeutigkeit hängt unsere Fähigkeit zusammen, vorauszuplanen und uns folgende Fragen zu stellen:

  • Was ist das Schlimmste, was passieren kann?
    Meist stellt man fest, dass unsere Fantasie schlimmer ist als das, was bei objektiver Betrachtung tatsächlich passieren kann.
  • Was ist, wenn alles gut geht?
    Auch dieser Fall ist nicht unwahrscheinlicher als der, dass alles schief geht. Murphys Gesetz greift nicht bei der Planung zukünftiger Ereignisse. Der schlimmst mögliche Fall tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ein.
  • Sind wir vorbereitet?
    Ein vorbereiteter „Plan B“ oder ausgearbeitete Katastrophenpläne geben uns die Möglichkeit, auf Planungen zuzugreifen, die wir in Zeiten relativer Ruhe durchgeführt haben. Sie sind immer besser als Handlungen unter Stress. Und sie vermeiden Schockstarre und die gefürchtete Leere im Kopf.
  • Müssen wir überhaupt etwas tun? Und müssen wir es sofort tun?
    Meistens ist Aussitzen keine Lösung. Trotzdem sollten wir nicht in blinden Aktionismus verfallen. Nehmen wir uns die Zeit, ruhig zu überlegen. Unterlassen wir das hektische Drehen an irgendwelchen Stellschrauben, bevor wir nicht deren Auswirkungen erkundet haben. Sonst müssen wir später noch hektischer zurückregeln, und das System schaukelt sich auf.
  • Simplifizieren wir gerade auf unzulässige Weise?
    Es ist ein kindlicher Wunsch, einfache Lösungen bei komplizierten Problemen zu finden. Und gerade, wenn wir unter Stress stehen oder Angst haben, fallen wir in kindliches Verhalten zurück. Das ist ein Vorgang, der durch die Evolution festgelegt wurde: Wenn ein knurrender Säbelzahntiger vor uns steht, nützt es nichts, Pfeil und Bogen zu erfinden, dann brauche ich einfache Abläufe, die mich schon in der Kindheit haben überleben lassen. Aber ein komplexes Problem ist kein Säbelzahntiger, und das sollten wir uns immer wieder klar machen.

Geduldig Verbesserungen in kleinen Schritten vornehmen

Bei komplexen Problemen gibt es keine handstreichartige Lösung. Meist müssen wir geduldig Verbesserungen in kleinen Schritten vornehmen, um das System zu stabilisieren. Ungeduld und der Drang nach Sofortlösungen führt oft direkt in die Katastrophe. Und ein wichtiger Schritt ist die Ausarbeitung eines Planes B. Auch wenn der heute aus der Mode gekommen ist, führt er zu Klarheit und überlegtem Handeln. Was auch dazu führt, dass der Umgang mit Unsicherheit und Angst sicherer wird.

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