Lob schadet, Tadel nützt?

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Lob schadet, Tadel nütztEs gibt tatsächlich eine ganze Reihe von Vorgesetzten, die die Aussage der Überschrift für richtig halten. Sie bezeichnen sich dabei als Praktiker, die das durch Empirie herausgefunden haben wollen. Leute, die diesen Satz für falsch halten, bezeichnen sie als Theoretiker ohne Praxisbezug oder als naive Gutmenschen. Die „harten Fakten“ würden nun einmal völlig anders aussehen, die Firma sei kein Ponyhof.

Wo irren sich diese Leute?

Ihr Irrtum ist sehr menschlich, denn wir alle neigen dazu, Kausalketten zu konstruieren, wo keine sind. Und so beobachten wir, dass die Leistung eines Mitarbeiters nachlässt, nachdem wir ihn gelobt haben. Als „Narren des Zufalls“ (übrigens ein Buchtitel von Nassim Taleb) erkennen wir einen Zufall nicht, und so verwechseln wir das „nachdem“ mit dem „weil“ und denken, unser Lob stehe im ursächlichen Zusammenhang mit der Minderleistung. Diese Art von Irrtümern ist weit verbreitet.

Ein Beispiel

Ich habe früher ein sogenanntes „Regenrohr“ besessen, ein Musikinstrument, das ein Geräusch wie fallender Regen macht. Nachdem ich es eines Tages ausführlich bespielt hatte, hat es am nächsten Tag geregnet. Ich wusste natürlich, dass da kein ursächlicher Zusammenhang bestand, trotzdem war ich verblüfft und das Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben. Unwillkürlich achtete ich auf Regen am Tag, nachdem ich das Instrument benutzt hatte. Es schien tatsächlich ein Zusammenhang zu bestehen!

Es ist uns allen natürlich klar, dass es sich dabei um eine Täuschung aufgrund selektiver Wahrnehmung handelt. Denn es regnete auch, wenn ich das Regenrohr am Tag zuvor nicht angerührt hatte, und es war auch am Tag nach dem Spiel manchmal schönes Wetter. Trotzdem, auch wenn mein Bewusstsein mir sagte „Zufall!“, hatte ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich das Regenrohr am Tag vor einem geplanten Ausflug anfasste.

Was denkt unser „Praktiker“?

Und genau diesem Irrtum unterliegen die „Praktiker“, die behaupten, dass Loben der Arbeitsmoral schadet. Das wird noch verstärkt durch einen zweiten Effekt. Die Leistung von Menschen ist nicht gleichmäßig gut oder schlecht, sie unterliegt gewissen stochastischen Abweichungen, deren Verlauf also rein zufällig ist. Nun werden wir einen Mitarbeiter in der Regel dann loben, wenn er gerade besonders gute Leistungen gezeigt hat, jedenfalls eine bessere als seine Durchschnittsleistung. Den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit folgend, werden nach einer Phase hoher Leistungen diese abnehmen. Nicht „weil“ sondern „nachdem“ wir ihn gelobt haben. Aber unser Gehirn erkennt den Einfluss des Zufalls nicht, es sucht eine Ursache. Es sagt uns also, durchaus schlüssig – jedenfalls dann, wenn wir ein negatives Menschenbild haben – dass die Leistung des Mitarbeiters nachlässt. Weil wir ihn gelobt haben, würde er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Warum sucht unser Hirn immer nach Ursachen?

Seit der Steinzeit beruht unser gesamter technischer Fortschritt  darauf, dass wir Ursache-Wirkungs-Ketten erkennen. Die Evolution hat also die Menschen bevorzugt, die dazu in der Lage waren, Zusammenhänge zu erkennen. Das ging so weit, dass wir jetzt Kausalketten erkennen, wo gar keine sind, einfach weil wir Erklärungen für beobachtete Phänomene suchen.

Das ist nicht weiter schlimm, denn bei der Aufgabe des Überlebens bleiben Zusammenhänge leichter im Gedächtnis als isolierte Fakten. Wenn bei Dürre ein Stamm den Regentanz aufführte, und es regnete dann nicht, waren die Leute auch nicht schlechter dran als vor dem Tanz. Ein vermuteter Zusammenhang hat also nicht weiter geschadet. So ganz nebenbei hat das gemeinsame Ritual auch der Zusammenhalt in der Gruppe gestärkt. So vermuten wir bis heute, dass jede unserer Taten eine Wirkung hat und dass jede Wirkung auch eine Ursache braucht.

Und beim Tadel?

Das Ganze funktioniert nicht nur beim Lob, sondern auch beim Tadel. Wir tadeln einen Mitarbeiter, weil der schlechtere Leistungen abliefert, als wir von ihm gewohnt sind. Allein nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit wird er sich aus einer solchen miesen Phase herausbewegen, auch ohne unseren Tadel. Aber wir denken: „Aha, nachdem ich ihn getadelt habe, bewegt er nun endlich seinen Hintern!“, und halten Tadel für ein angemessenes Mittel für die Leistungssteigerung.

Das Verhalten von Systemen ist also in vielen Fällen chaotisch, oder die Ursachen des Verhaltens sind so kompliziert oder sogar komplex, dass es sich nicht auf ein einfaches „wenn – dann“ reduzieren lässt.

Der Nachteil des Nichterkennens des Einflusses der Wahrscheinlichkeit

Anders als in der Steinzeit bringen diese Fehlschlüsse erhebliche Nachteile mit sich. Mitarbeiter werden getadelt für etwas, auf das sie keinen Einfluss haben, und sie werden nicht mehr gelobt. Denn es setzt sich die Meinung durch: „Nicht geschimpft ist genug gelobt.“

Ähnliche Beobachtungen lassen uns eine Zeit, in der es uns besonders gut geht, nicht genießen. Die Statistik zeigt, dass nach einer guten Zeit zwangsläufig eine schlechtere kommt. Nachdem das genügend Leute lange genug beobachtet hatten, war klar, man durfte die guten Zeiten nicht genießen, sonst kommen schlechte. Man darf sein Glück nicht „beschreien“, und wenn man es tut, muss man drei Mal („Toi-toi-toi!“) auf Holz klopfen.

Menschen können grundsätzlich nicht glauben, dass es nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen ihrem Leben und ihrem Verhalten gibt. Sprichwörter wie: „Hochmut kommt vor dem Fall!“, weisen darauf hin. Die Angst vor der Zukunft hindert uns an einem guten Leben in der Gegenwart.

Die allerneueste Erkenntnis der Wissenschaft: Das Lob nützt nicht dem Gelobten, sondern nur seinen Kollegen – die werden besser. Den ersten Teil des Satzes haben wir oben widerlegt. Ich bin sicher, wenn sich die Forscher ihre Statistiken noch einmal anschauen, werden sie feststellen, dass auch der zweite Teil ein statistisches Phänomen ist.

PS: Ich habe diese Zusammenhänge schon einmal in meinem Buch „Projekte sind auch nur Menschen“ dargestellt. Trotzdem bin ich hier noch einmal etwas näher darauf eingegangen, denn ich halte diese falschen Schlüsse für prekär. Wir müssen unbedingt vermeiden, den Zufall zu übersehen und jeder Erscheinung eine einfach erkennbare Ursache zuordnen zu wollen.

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