Schlechte Angewohnheiten und Angst zerstört das Ansehen einer ganzen Branche

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Fehler im Projektmanagement

Die Suche nach dem Schuldigen

Man sollte meinen, langsam wäre genug über VW und seine Trickserei mit den Abgaswerten und der elektronischen Motorsteuerung geschrieben worden. Aber immer noch wird meiner Meinung nach zu wenig über die beiden eigentlichen Ursachen des Skandals nachgedacht: schlechte Gewohnheiten in einer Branche und die Angst der Mitarbeiter vor dem Chef.

Was VW vorgeworfen wird, ist in einem anderen Zweig der Branche Gang und Gäbe: bei Motorrädern. Dort öffnen und schließen elektronische Steuerungen Klappen in der Auspuffanlage so, dass genau in den Drehzahlbereichen die Auspuffgeräusche besonders niedrig sind, in denen nach der Prüfnorm die Geräusche gemessen werden. Hier wird also ganz legal getrickst.

Auch bei Prüfungen von Automobilen wird getrickst. Haben Sie schon einmal versucht, die offiziellen Verbrauchswerte Ihres Autos zu erreichen? Mir ist das noch nicht gelungen, was da gemessen wird, hat wohl mit der täglichen Fahrpraxis wenig zu tun. Die Lobbyisten haben erreicht, dass die Prüfungen so gemacht werden, dass die Industrie ihre Produkte möglichst einfach den gesetzlichen Anforderungen angleichen kann. Aus Sicht der Verbraucher sind also unwahre Messwerte – oder sagen wir besser, Messwerte, die mit der Praxis wenig zu tun haben – die Regel. Und die Verbraucher haben sich daran gewöhnt, und keiner nimmt die Angaben mehr für bare Münze.

Sogar die Entwicklungsabteilungen haben sich daran gewöhnt. Der Abstand zwischen dem eigenen Tun und der Illegalität wird scheinbar immer geringer. Warum sollte man diese Grenze nicht noch weiter ausdehnen? Es ist wie in den Zeiten der Prohibition in den USA: fast jeder trank Alkohol, es war also gesellschaftlich akzeptiert, dieses Gesetz zu übertreten. Das Alkoholverbot wurde nicht mehr als gerechtes Gesetz, sondern als Schikane angesehen. Und so gewöhnte sich fast jeder daran, ein Gesetzesbrecher zu sein, fast die ganze Bevölkerung der USA war korrumpiert, Verbrecher waren Stars. Es hat lange gebraucht, bis auch vernünftige Gesetze wieder geachtet wurden.

Gegen eine solche Akzeptanz der Illegalität helfen nur auch für Laien durchschaubare Gesetze und praktikable Prüfrichtlinien, die nicht von Lobbyisten, sondern vom Gesetzgeber gemacht sind. Ein frommer Wunsch, ich weiß! Das klappt ja auch bei den Steuergesetzen nicht.

Auch über den zweiten Grund wird wenig gesprochen: die Angst der Mitarbeiter vor den Chefs! VW ist – so sagen jedenfalls Insider – ein hierarchischer Konzern. Wenn „von oben“ eine Anweisung kommt, sei sie auch noch so unmöglich zu erreichen, wird sie durchgeführt. Denn man hat ja in teuren Seminaren gelernt: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Wenn also unerreichbare Abgaswerte gefordert werden, wird eben getrickst. Nun wäre das nicht weiter schlimm, wenn nur der eigene Chef betrogen würde. Ein Chef, der praxisferne Anforderungen stellt, ohne sie vorher mit den Betroffenen besprochen zu haben, dem geschieht es recht, wenn er betrogen wird. Aber dieselbe getrickste Steuerung wurde dann ausgeliefert, weil keiner sich getraut hat, zu petzen. Die Angst vor dem Chef war also größer als die Angst vor dem Markt, denn der Chef ist nah, der Markt ist weit weg.

Und selbst, als ein Techniker dann – nachdem der „Große Chef“ die Firma verlassen hatte – mit der Wahrheit herausgerückt ist, musste er durch eine betriebsinterne Whistleblower -Verordnung geschützt werden. Und wer weiß, ob ihm nicht doch als Nestbeschmutzer das Leben zur Hölle gemacht wird.

Was lernen wir daraus? Chefs, die Ja-Sager bevorzugen und sich jeden Widerspruch verbeten, sind die eigentliche Gefahr einer jeden Firma. Ihre Selbstüberschätzung macht es unmöglich, Fehler rechtzeitig zu erkennen und Fehlentwicklungen gegenzusteuern. Wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe, ein Chef muss das Fachwissen seiner Mitarbeiter achten und ihren Widerspruch willkommen heißen. Wer einen offenen Dialog durch Überheblichkeit oder Narzissmus verhindert, gefährdet Arbeitsplätze. Denn eine Firma insgesamt weiß mehr als jeder Mitarbeiter, sei der auch noch so weit oben in der Firmenhierarchie angesiedelt.

Wir Projektleiter können keine Firma umkrempeln, das ist die Aufgabe anderer Leute. Dennoch sollten wir wenigstens in unseren Projekten diesem Grundsatz folgen. Lernen wir von VW, akzeptieren wir, dass Widerspruch ein Angebot zur Mitarbeit ist. Mitarbeiter, die sich nicht mehr trauen, Ihnen zu widersprechen, lassen Sie auch mit „klammheimlicher Freude“ ins offene Messer rennen. Bringen Sie sich nicht in die Situation, für Ihre eigene Hybris bezahlen zu müssen.

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