System(at)ischer Zusammenbruch

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Im Körper eines Lebewesens gibt es Zellen, die unbegrenzt wachsen, ohne Rücksicht auf und ohne Kommunikation mit dem Nachbarn. Die meisten dieser Zellen werden von der körpereigenen Gesundheitspolizei eliminiert. Wenn sie allerdings die Oberhand gewinnen, hat dieses Lebewesen Krebs und wird über kurz oder lang zusammenbrechen.

Systeme, die durch Menschen gebildet werden, z.B. Familien, Firmen, Projekte, Vereine oder Staaten unterliegen den gleichen Gesetzen. Man kann solche kranken Systeme daran erkennen, dass sich zum einen der Verwaltungsgeist und zum anderen der Klagegeist breit macht.

Bei hierarchischen Systemen, also z.B. Firmen oder Projekten, verbreitet sich der Verwaltungsgeist von oben nach unten. Die Geschäftsleitung „führt“ nur noch  über Kennzahlen, und das ist kein Führen mehr, sondern nur noch ein Verwalten. Da „von oben“ nicht mehr gestaltet wird, hat auch der Mittelbau keine Möglichkeit mehr, Arbeit sinnvoll zu gestalten. Die Firma wird nur noch gemanagt.

Über kurz oder lang entsteht bei den Mitarbeitern von unten nach oben wachsend der Klagegeist. Sie erkennen ihn daran, dass die Mitarbeiter der Meinung sind, sie seien nur noch Menschenmaterial  (Human Ressources) oder Verschiebemasse ohne die Möglichkeit, selbstständig zu handeln. Sie fühlen sich mehr und mehr eingezwängt, geben jede Kreativität auf Kosten der Ablieferung der gewünschten Zahlen – die oft mehr oder weniger geschickt gefälscht werden, um „die da oben“ zufriedenzustellen – auf. Man erkennt diesen Zustand daran, dass sogar die Anzahl der eingereichten Verbesserungsvorschläge eine Kennzahl ist, aufgrund derer die Mitarbeiter beurteilt werden. Ein solches Vorschlagswesen, das nach dem Motto „Nun seid gefälligst mal kreativ!“ gestaltet wird, führt zu vielen, aber unsinnigen Vorschlägen. Das Geld für deren Bearbeitung und Prämierung sollte man sich sparen.

Es gibt einen weiteren Hinweis für diesen Klagegeist: Hören Sie auf den Flurfunk! Sie können sicher sein, dass es um die Firma nicht gut steht, wenn dieser nur noch aus Wolfsgeheul, also aus sinnlosen Diskussionen über „von oben“ beschlossenen Maßnahmen besteht, die meist mit den Worten endet: „… aber mich fragt ja keiner!“ Da in solchen Firmen niemand mehr um der Sache willen arbeitet, ist Hauen und Stechen unter den Mitarbeitern an der Tagesordnung, Mobbing und Bossing sind weit verbreitet.

Echte Führung versteht Widerspruch als Angebot zur Mitarbeit

Entgegen anderslautenden Meinungen ist eine Firma auch dann mausetot, wenn Sie von den Mitarbeitern keinen Widerspruch zu Maßnahmen „von oben“ mehr hören, wenn Anweisungen schweigend und ohne Diskussion entgegengenommen werden. Dann haben die Mitarbeiter nämlich jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation aufgegeben. Sie sind der Meinung, dass es sowieso keinen Zweck hat, eigene Vorschläge zu machen. Dieser Zustand ist natürlich der Wunschzustand der „Verwalter“. Echte Führung versteht Widerspruch als Angebot zur Mitarbeit und kann damit umgehen.

Ist dann der Klagegeist in der Geschäftsleitung angekommen, werden Entscheidungen als „alternativlos“ bezeichnet, weil auch die Geschäftsleitung der Überzeugung ist, sich aus den Zwängen nicht mehr befreien zu können und keine eigenen kreativen Ideen mehr haben zu dürfen. Sie hat sich dann in ihrem eigenen Verwaltungsnetz verstrickt.

Eine funktionierende Firma oder ein funktionierendes Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass seinen Mitarbeitern die größtmögliche Freiheit gewährt wird. Die Projektleiter haben den Mut zu delegieren, weil sie ein gesundes Vertrauen zu ihren Mitarbeitern haben. Sie lassen Einwände zu und trauen sich, selbst Einwände „nach oben“ weiterzugeben. Sie halten Druck aus, ohne ihn ungefiltert an die Mitarbeiter weiter zu geben. Und sie vertrauen ihrem von Erfahrung gestützten Gefühl mehr als den Kennzahlen.

Machen Sie Ihren Bereich oder Ihr Projekt zu einem in diesem Sinne funktionierenden System! Das ist Arbeit, und sie werden ungläubige Blicke bei Ihren Mitarbeitern ernten, weil diese sich zuerst an Ihr neues Verhalten gewöhnen müssen. Aber ein funktionierendes System setzt seine gesamte Energie zur Erreichung seiner Ziele ein und hat deshalb einen enorm hohen Wirkungsgrad.

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