Der Schwarze Schwan killt den Truthahn

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Schwarzer SchwanDie Überschrift ist zugegebenermaßen sonderbar. Was ist ein Schwarzer Schwan, und warum killt der einen Truthahn?

Ich habe die die beiden Vögel aus Büchern von Nassim Taleb. Der hat den Begriff „Schwarzer Schwan“ zwar nicht erfunden, den gibt es als Metapher mindestens seit den alten Römern, doch mit seinen Büchern, die sich mit Phänomenen der Wahrscheinlichkeit beschäftigen, wieder ins Bewusstsein gebracht. Die Verwendung des Truthahns in diesem Zusammenhang habe ich allerdings nur bei ihm gefunden. Wie verwendet Nassim Taleb diesen Begriff?

Der Schwarze Schwan

Alle Europäer waren lange davon überzeugt, dass es keine schwarzen Schwäne gibt. Man hatte nie einen Schwan gesehen, der auch nur eine einzige schwarze Feder gehabt hätte. Es gibt zwar (seltene) weiße Raben, und es gibt häufig schwarze Raben mit einzelnen weißen Federn, aber eine umgekehrte Mutation bei Schwänen wurde nie beobachtet. Ein schwarzer Schwan wurde also nicht nur als extrem unwahrscheinlich betrachtet, sondern sogar als unmöglich. Und dann wurde Australien entdeckt, und dort ist alles anders: Es gibt nur schwarze Schwäne.

Ein Schwarzer Schwan ist also eine Metapher für ein extrem unwahrscheinliches Ereignis. Es ist so unwahrscheinlich, dass es niemand auf dem Schirm hat. Tritt es aber ein, sind seine Auswirkungen extrem weitreichend und treffen den, dem es zustößt, völlig unvorbereitet.

Und was ist jetzt mit dem Truthahn?

In den USA werden Truthähne zum Erntedankfest geschlachtet. Bevor sie allerdings zu dem Familienfest auf den Tisch kommen, werden sie ein ganzes Jahr lang aufgezogen. Nassim Taleb hat lange in den USA gelebt, er schreibt vor allem für Amerikaner, deshalb hat er diese Metapher gewählt. In unserem Kulturkreis wäre ihm vermutlich die Weihnachtsgans eingefallen.

Ein solcher Vogel genießt also sein ganzes Leben lang die Wohltaten des Züchters: er wird gefüttert, getränkt, man kümmert sich um seine Gesundheit und er hat ein Dach über dem Kopf. Und alles ohne Gegenleistung. Bis dann das Erntedankfest kommt. Dieses Ereignis ist für den Truthahn äußerst unwahrscheinlich (1:365), außerdem hat er es nie erlebt. Und kein Truthahn hat es je überlebt, so dass er davon erzählen könnte. Ein Truthahn kann sich ein Erntedankfest nicht vorstellen. Und weil das für ihn dann auch noch im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Folgen hat, ist dieser Festtag für den Puter ein Schwarzer Schwan.

Ein Schwarzer Schwan ist nicht für alle schwarz

Für den Züchter hingegen ist der Festtag durchaus kein Schwarzer Schwan, denn er wurde von ihm erwartet und eingeplant. Endlich lohnt sich seine Mühe, der Feiertag spült Geld in seine Kasse. Für ihn wäre ein Schwarzer Schwan, wenn plötzlich und unerwartet in den USA Weihnachtsgänse in Mode kämen und er auf seinen Puten sitzen bliebe.

Und was hat das mit uns zu tun?

Also, ein Schwarzer Schwan ist ein unwahrscheinliches Ereignis, das die Betroffenen unangenehm überrascht. Obwohl Nassim Taleb über die Weltwirtschaft und große Geldinstitute geschrieben hat, kommen solche Ereignisse durchaus auch bei unseren viel bescheideneren Projekten vor. Jeder erfahrene Projektleiter hat sie schon erlebt, und er weiß, wie sie ein bisher erfolgreiches Projekt urplötzlich killen können.

„Und jetzt?“, werden Sie fragen, „Wie kann ich mich davor schützen, ‚geschlachtet‘ zu werden?“ Wir können den Schwarzen Schwan nicht vorhersehen, das macht ja gerade sein Wesen aus. Das Risikomanagement, das wir natürlich bei jedem Projekt betreiben, nützt in dem Fall nichts. Es schützt nur vor weißen Schwänen, also vor Risiken, die wir kennen und zumindest als Möglichkeit in Betracht ziehen können. Wir können also unser Projekt nicht spezifisch auf das schwarze Federvieh vorbereiten, wir können es nur allgemein gegen unerwartete Störungen unempfindlich machen.

Aber wir wissen jetzt, dass es Schwarze Schwäne gibt, und das ist schon einmal die halbe Miete. Wenn man deren Existenz nämlich leugnet, erwischen sie einen kalt. Wir können das Projekt antifragil machen, oder, wie Nassim Taleb das nennt, aus dem vierten in den dritten Quadranten umziehen. Was er damit meint: Er unterteilt Ereignisse in wahrscheinliche und seltene, und in solche, die geringe und hohe Auswirkungen haben. Im vierten Quadrant sind seltene Ereignisse mit hohen Auswirkungen, also typische Schwarze Schwäne. In den dritten ordnet er Ereignisse ein, die zwar auch selten sind, aber nicht so ernste Auswirkungen haben.

Er rät uns also, uns gegen seltene Ereignisse möglichst robust, besser noch resilient aufzustellen. Das können wir mit folgenden Maßnahmen erreichen:

  • Rigorose Optimierung vermeiden und Redundanzen einführen.
  • Beobachtungszeitraum erweitern – so entdecken wir vielleicht auch seltene Ereignisse in der Vergangenheit.
  • Uns bewusst machen, dass sich seltene Ereignisse nicht vorhersagen lassen. Methoden der Statistik sind hierfür ungeeignet.
  • Stresstests misstrauen – sie beziehen sich immer auf das ungünstigste Ereignis, das bisher aufgetreten ist, nicht auf den GAU. Sie betrachten die Vergangenheit, nicht die Zukunft.
  • Beweglich genug bleiben, um positive Schwarze Schwäne nutzen zu können.
  • Ein stabiles Verhalten eines Systems (geringe Volatilität) sagt nichts über die Risiken aus, denen es ausgesetzt ist. Auch ein solches System kann plötzlich zusammenbrechen.

Alles in allem also: Wachsam bleiben, selber denken und sich nicht überraschen lassen!

Die Bücher von Nassim Taleb

Ich weiß, der „Schwarze Schwan“, die „Narren des Zufalls“ und die „Antifragilität“ sind dicke Schinken. Sie sind manchmal langatmig und man merkt ihnen an, dass Bescheidenheit nicht zu den mentalen Problemen des Autors gehört. Aber sie sind interessant und amüsant zu lesen, ohne dünne Bretter zu bohren. Sie machen Spaß, weil der Autor gebildet im klassischen Sinn ist und die Sprache liebt. Sie werden durchaus kontrovers diskutiert, gerade deshalb empfehle ich diese Bücher gerne weiter.

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