Den wilden Eber reiten

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Vom Umgang mit der eigenen Wut

„Der Chef brüllt mal wieder: irgendeine Laus ist ihm über die Leber gelaufen. Kein Wasser geben – er kommt von selbst wieder zu sich!“ Wenn Ihre Mitarbeiter so über sie sprechen, haben Sie schon verloren – man nimmt Ihre Wut, ihre Energie nicht mehr ernst, sie haben sie schon zu oft gezeigt.

Ausgelebte Wut wird gesellschaftlich nicht akzeptiert, erst recht nicht im Beruf. Wer seine Wut zu oft zeigt, wird als tumber Neanderthaler betrachtet, der seine Emotionen nicht beherrschen kann. Tatsächlich wird in der Wut viel Porzellan zerschlagen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wie oft haben Sie sich schon über ein unbedachtes Wort oder eine nicht angemessene Handlung geärgert, die Ihrer Wut zuzuschreiben war? Die Ratio war ausgeschaltet. Wenn wir einmal in Rage sind, hilft es auch nichts, wenn ein anderer versucht, uns auf unsere nicht angemessenen Gefühle hinzuweisen. „Nun komm mal wieder runter!“ ist ein prima Satz, um einen Wütenden total ausrasten zu lassen.

Die Wut auszuleben, befreit im ersten Moment, führt aber später dazu, dass wir den Anlass der Wut als umso ärgerlicher empfinden. Sollten wir also unsere Wut nicht zeigen?

Oft muss man die Ruhe bewahren, vor allem, wenn es darum geht, mit Fehlern umzugehen. Hier ist Wut der allerschlechteste Ratgeber. Wenn Sie Ihren Mitarbeiter am liebsten in der Luft zerreißen wollen, fragen Sie sich, woher diese ungezügelte Wut kommt.

  • Ist es Angst?
  • Fürchten Sie die Folgen des Fehlers?
  • Fürchten Sie Konsequenzen für sich selbst?
  • Hat der Mitarbeiter den gleichen Fehler macht, der auch Ihnen schon unterlaufen ist und sind Sie eigentlich wütend auf sich selbst?
  • Schämen Sie sich immer noch für Ihren alten Fehler, und drücken Sie diese Scham in Wut auf den Mitarbeiter aus?

Dann ist es umso wichtiger, mit klarem Kopf zu entscheiden, was zu tun ist, um die Kuh vom Eis zu holen.

Die Wut also herunterschlucken?

Die Wut, die wir nur unterdrücken, verschwindet nicht. Sie bleibt vorhanden und frisst an uns. Darüber hinaus führt der Emotions-Stau zu Stress. Wenn Gefühle nicht zugelassen werden, sinken sie in unser Unterbewusstsein und wenden sich gegen uns selbst. Sie machen uns im wahrsten Sinne des Wortes krank:

  • Wer nie gelernt hat, mit der eigenen Wut umzugehen, der verliert die Kontrolle. Ich denke dabei an ein Vorkommen in den USA, von dem ich letzthin gelesen habe: Weil ihm ein Auto zu langsam fuhr, schoss ein Unbekannter darauf und tötete dabei einen Dreijährigen.
  • Wer ständig seine Wut unterdrückt, bei dem kann sie plötzlich und unkontrolliert ausbrechen. Denken Sie an den Film, in dem ein kleiner braver Angestellter sich eine Pumpgun kauft und zum Amokläufer wird, weil an diesem Tag alles schief läuft.
  • Wer Wut ständig heruntergeschluckt, läuft Gefahr, auch anderes zu schlucken. Er läuft Gefahr, zum Alkoholiker oder Drogenjunkie zu werden.

Was also tun mit der Wut?

Wir sollten unsere Emotionen genau betrachten, um sie zu erkennen und bewusst zu erleben. Am besten, wir erkennen und benennen den Ärger, bevor er zu Wut wird. Wenn die Wut aber schon hochgekocht ist, lässt sie sich durch kognitive Prozesse regulieren. Gewinnen wir im wahrsten Sinne des Wortes Abstand, indem wir – wenn möglich – die wutauslösende Situation für einige Minuten verlassen. Zuerst einmal sollten wir anerkennen: „Ja, ich bin stinksauer! Ich könnte den Kerl in kleine Stücke hacken!“

Der zweite Schritt ist, die Herkunft der Wut zu ergründen: „Warum bin ich so wütend, dass ich kaum klar denken kann?“ Auf diese Frage kommt meist die Antwort: „Weil jemand einen Fehler gemacht hat!“, oder „Weil ich mich über jemanden geärgert habe!“ Das ist aber nur ein vorgeschobener Grund, um auf den wahren Grund zu kommen, hilft es, sich zu ein paar Mal zu fragen: „Und macht mich noch so wütend?“ – „Und was noch…“

Anschließend sind sie meist in der Lage, wieder vernünftig zu denken.  Aber dieses Vorgehen braucht Zeit, die Sie zum Beispiel in einer Besprechung nicht haben. Hier dürfen Sie Ihre Wut nicht zeigen, dürfen ihr aber sagen: „Danke, ich habe gemerkt, dass etwas furchtbar schief gelaufen ist. Ich werde mich später um Dich kümmern!“ Und dann tun Sie das auch – zeitnah! Aber nicht, indem Sie die Wut wieder aufwärmen, sondern indem Sie mit ihr arbeiten.

Nützt die Wut?

Ja, die Wut ist ein Helfer, sie zu nutzen, nenne ich „den wilden Eber reiten“. Der rennt schnell und räumt alle Hindernisse mit unbändiger Kraft zur Seite. Er zeigt sie uns, dass etwas ganz und gar nicht passt und gibt uns die Energie, die notwendig ist, um die Situation wieder ins Lot zu bringen. So wird die Wut zum Problemlöser, denn sie weist uns auf Probleme hin und zwingt uns dazu, uns mit ihnen zu beschäftigen.

Wie schaffen wir es also, uns vom wilden Eber zum Ziel bringen zu lassen? Die Lösung liegt wie so oft in der Achtsamkeit. Was haben wir in dieser Situation empfunden? Was ist genau gesagt worden? Haben wir alles richtig verstanden, oder hat der Andere bei uns einen „roten Knopf“ ausgelöst, der unsere Sinne vernebelt hat?

Fazit

Wir sollten also unsere Emotionen genau betrachten, um sie zu erkennen und bewusst zu erleben. Am besten, wir erkennen und benennen den Ärger, bevor er zu Wut wird. Wenn die Wut aber schon hochgekocht ist, lässt sie sich durch kognitive Prozesse regulieren. Gewinnen wir im wahrsten Sinne des Wortes Abstand, indem wir – wenn möglich – die wutauslösende Situation für einige Minuten verlassen. Betrachten wir die Situation wie oben beschrieben genau, am besten von außen wie ein unbeteiligter Beobachter, entdecken wir die „roten Knöpfe“, die gedrückt wurden, so dass wir in Rage geraten sind.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, so vorzugehen ist nicht einfach. Aber es lohnt sich, es zu lernen und vor allem zu üben. Ich begleite Sie gerne auf diesem Weg.

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