Bin ich verantwortlich für das Glück meiner Mitarbeiter?

| Keine Kommentare

Eine typisch rhetorische Frage. Die Antwort kann nur sein: „Natürlich nicht!“ Denn Sie sind kein Psychotherapeut, haben keinen Heilauftrag, sondern sind Ihrem Arbeitgeber verantwortlich. Und der will Schrauben produzieren, Autos oder Software – keine glückliche Mitarbeiter.

Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich

Für das Glück eines Menschen ist schlussendlich immer der Mensch selbst verantwortlich. Und da spielen im Hintergrund Faktoren eine Rolle, auf die ein Anderer keinen Einfluss hat. Die Faktoren gehen zurück bis in die früheste Kindheit. Sie als Chef haben keinen Einfluss auf das frühere Leben eines Mitarbeiters, Sie können ihm keine schöne Kindheit verschaffen, damit er heute Glück empfinden kann, und auch keine glückliche Ehe. Dafür muss er selbst sorgen, möglicherweise mit professioneller Hilfe.

Wenn ich aber den Chefs zuhöre, die im Brustton der Überzeugung verbreiten, dass sie für das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter nicht verantwortlich sind, höre ich etwas ganz anderes. Im Hintergrund klagt nämlich eine verletzte kindliche Seele: „Um mich kümmert sich ja schließlich auch niemand!“ Das stimmt möglicherweise, aber ist das eine Begründung, die Sau rauszulassen? Tun Prügel, die ich bezogen habe, weniger weh, wenn ich zum Ausgleich jemand anderen prügele?

Menschen und Maschinen sind unterschiedlich

Wir sind uns einig: Sie sind nicht für das Glück Ihrer Mitarbeiter verantwortlich, und auch nicht dafür, dass es ihnen gut geht. Trotzdem können Sie nicht einfach jede Verantwortung für Ihre Mitarbeiter leugnen.

Wenn Sie für eine Maschine verantwortlich sind, können Sie sie nicht einfach nur arbeiten lassen. Sie müssen die Wartung veranlassen, prüfen, ob sie in einer geeigneten Umgebung steht und vieles andere mehr. Wenn Sie sich nicht um sie kümmern, wird man Sie zur Verantwortung ziehen, wenn diese Maschine kaputt geht. Bei einem Mitarbeiter soll das nicht gelten? Nur weil Sie keinen Wartungsplan für ihn haben?

Denken Sie an Ihre Familie. Sagen Sie da auch: „Meine Frau/mein Mann soll selber sehen, wie sie/er glücklich wird!“ Oder, bezüglich Ihrer Kinder: „Ich sehe sie ja schließlich kaum. Also bin ich nicht für sie verantwortlich!“  Wenn Sie ihre Familie kaum sehen, ist das Ihre Verantwortung, ihre Entscheidung. Und wenn Sie für Ihre Mitarbeiter nicht sorgen („Keine Zeit!“, „Ich kann doch nicht jeden kennen!“) ist auch das Ihre Entscheidung. Denn dann haben Sie entschieden, dass Ihnen andere Aufgaben wichtiger sind als Ihre Mitarbeiter.

Welche Verantwortung haben Sie für Ihre Mitarbeiter?

Für ihr Glück sind Ihre Mitarbeiter selbst verantwortlich. Sie sind hingegen dafür verantwortlich, Ihnen eine Umgebung bereit zu stellen, in der sie zufrieden arbeiten können. Und dazu gehört bei einem Menschen mehr als saubere Luft und ein erträgliches Raumklima. Dazu gehört, dass Sie sich ehrlich für Ihre Mitarbeiter interessieren. Dass Sie sich an deren Arbeitsplätzen sehen lassen. Dass Sie ihnen zuhören und nicht in Gedanken schon beim nächsten Meeting sind. Und dass Sie sie ernst nehmen und sie wertschätzen.

Was ist, wenn die Mitarbeiter nicht wollen?

Jetzt höre ich schon einige klagen: „Der hat gut reden, der weiß ja gar nicht, was für faule Stinkstiefel bei mir in der Abteilung sind!“ Mag sein, aber niemand ist faul zur Welt gekommen. Jeder möchte, dass die Tätigkeit, mit der er ein Drittel seines Lebens ausfüllt, sinnvoll ist. Und jeder möchte gebraucht und geachtet werden. Wenn Sie das erreichen, geht es Ihren Mitarbeitern besser – und auch Ihnen. Dann brauchen Sie nicht ständig Druck aufbauen, dann lassen Sie Ihre Mitarbeiter nicht ins offene Messer laufen, und dann hört vielleicht auch deren ständiges Klagen auf. Was steigt, ist die Zufriedenheit Ihrer Mitarbeiter und damit auch deren Produktivität. Und ihren Einfallsreichtum nutzen sie dann für die Firma, und nicht dazu, sich zu drücken und Ausreden zu erfinden. Wertschätzung Ihrerseits führt dazu, dass auch Sie wertgeschätzt werden, Und in einem solchen Klima arbeitet jeder lieber, auch der Chef.

Und wenn der Chef nicht will?

Es gibt allerdings Chefs, denen es  Spaß macht, ständig Druck auszuüben und Leute fertig zu machen. Die Eingangsfrage ist dann eine gute Ausrede für deren möglicherweise psychopathisches Verhalten. Aber diese Leute sollten Sie sich ernsthaft Gedanken um Ihre geistige Gesundheit machen und gegebenenfalls einen Psychotherapeuten aufsuchen. Denn sie machen sich auf Dauer nicht nur selbst krank, sondern auch Ihre Mitarbeiter. Eines Tages kommt es dann zum Knall, und die Karriere ist beendet. Ich konnte das selbst schon mehrfach beobachten.

Bild: Von Pferdeliebe - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50793328

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


sechs + 5 =