Sucht ist eine Krankheit

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Als Abteilungs- oder Projektleiter kann es passieren, dass unter Ihren Leuten jemand ist, der ein Suchtproblem hat. Hierzulande ist das meist ein Tabletten- oder Alkoholproblem, seltener ein Problem mit anderen Stoffen, wie z.B. Crystal Meth. Da ich nur Erfahrung mit Alkoholsucht habe, werde ich mich hier auf dieses Problem beschränken.

Wie bemerke ich ein Suchtproblem?

Zuerst einmal gar nicht. Süchtige sind sehr gut darin, ihre Probleme zu verstecken, Sie werden in der Regel erst etwas merken, wenn die Sucht schon weit fortgeschritten ist. Jahrelang merkt niemand etwas, denn ein Alkoholiker ist selten jemand, der betrunken im Straßengraben liegt- das ist nur das Endstadium. Im Gegenteil, meist sind die Süchtigen gute Arbeiter, gewissenhaft und fleißig, denn sie wollen nicht auffliegen. Aber mit der Zeit häufen sich krankheitsbedingte Abwesenheiten, Fehler schleichen sich ein. Das muss noch nichts mit einer Sucht zu tun haben, Eheprobleme z. B. bewirken ähnliches. Aber wenn Sie öfter eine Fahne riechen und Flaschen am Arbeitsplatz gefunden werden, wird die Sache eindeutiger. Auch wenn Sie als Nichtmediziner keine Diagnose stellen können, um Ihren Verdacht zu erhärten finden Sie hier entsprechende Beschreibungen.

Was tun?

Machen Sie sich klar: Sucht ist kein böser Wille und keine Charakterschwäche. Sucht ist eine schwere Krankheit. Sie ist so gefährlich wie Krebs, denn früher oder später stirbt der Süchtige an ihr.

Der Süchtige hat – aus welchem Grund auch immer – eine Zeitlang zu viel getrunken. Ist er nun, z. B. genetisch bedingt, suchtanfällig, wird sein erhöhter Alkoholkonsum zur Sucht, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Ein nicht Süchtiger kann den Alkoholkonsum einschränken oder beenden, bei einer Sucht ist der Verzicht ein ganz anderes Kaliber. Der Süchtige kann nicht einfach aufhören, so gerne er es vielleicht auch möchte. Deshalb sind Versprechen von Süchtigen, weniger zu trinken, nichts wert. Nicht, dass sie die Versprechen nicht ernst nehmen ist das Problem, sondern der Entzug. Der ist im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch. Ohne ärztliche Hilfe sterben dabei 1/3 der Patienten im Delir, und auch die Entzugsklinik kann nicht alle retten.

Kontaktieren Sie eine Beratungsstelle!

Die meisten Firmen haben Suchtbeauftragte, die sich auskennen und entsprechende Adressen kennen, bei denen ein Süchtiger Hilfe findet. Führen Sie ein Gespräch, nehmen Sie sich Zeit dafür. Machen Sie ihm klar, dass Sie bei ihm ein Alkoholproblem vermuten und versuchen Sie ihn zu überzeugen,  zu einer Beratungsstelle zu gehen. Schieben Sie das nicht auf die lange Bank. So unangenehm die ganze Problematik für alle Beteiligten ist, da müssen Sie und er durch. Aber bitte – outen Sie ihn nicht. Weder vor dem Chef, noch der Personalabteilung noch den Kollegen. Geben Sie ihm eine Chance, die Sache erst einmal selbst anzugehen.

Denn obwohl in Deutschland 2 Millionen Menschen alkoholsüchtig sind und weitere 2 Millionen alkoholgefährdet, ist das Thema immer noch ein Tabu und hochgradig schambehaftet. Außerdem, wer als trockener Alkoholiker bekannt ist, bekommt nur sehr schwer eine Arbeit. Zu groß ist die Angst der Arbeitgeber vor dem Rückfall. Da hilft auch der angebliche Fachkräftemangel nichts.

Und bei Alkoholgefährdung?

Trinkt ein Mitarbeiter zu viel Alkohol, ist aber noch kein Alkoholiker, wird er seinen Konsum noch nicht tarnen. Sie haben also eine Chance, das zu bemerken und als Chef die Pflicht, gegenzusteuern. Bieten Sie ihm Hilfe an, machen Sie ihm aber auch klar, dass er seinen Arbeitsplatz gefährdet.

Und Sie können noch mehr tun: Fragen Sie nach dem Grund seiner Abstürze. Liegen die im beruflichen Bereich haben Sie die Pflicht, auch im Sinne der Firma, gegenzusteuern. Solche Gründe können ständige Überlastung sein, drohendes Burnout, Mobbing oder auch Angst vor Fehlern und Versagen. Auch die berüchtigten „Leichen im Keller“ werden oft mit Alkohol betäubt.

Ist der Grund ein familiärer, können Sie ihn vielleicht beruflich etwas aus dem Feuer nehmen, damit der doppelte Stress abnimmt. Denken Sie aber daran: Sie sind nicht der Therapeut Ihres Mitarbeiters, die Diagnose und die Therapie müssen andere übernehmen. Der Werksarzt kennt bestimmt entsprechende Adressen.

Auf jeden Fall ist es weit besser und einfacher, etwas gegen Alkoholgefährdung zu tun. Ist diese zur Alkoholsucht geworden, wird die Behandlung schwierig und ist ohne entsprechende Spezialisten kaum möglich. Vor allem Teenager und frühe Twens sind gefährdet: Ihr noch nicht ganz ausgereiftes Gehirn reagiert auf erhöhten Alkoholkonsum leicht mit Schäden und der Entwicklung einer Sucht. Etwa 10 % der wegen Koma-Saufen aufgefallenen Jugendlichen sind zehn Jahre später süchtig. Bei jungen Kollegen haben Sie also eine ganz besonders hohe Verantwortung.

Fazit

Ein Alkoholsüchtiger ist schwer zu erkennen und noch schwerer zu therapieren. Es ist keine Führungsschwäche, wenn Sie Probleme haben, einen Süchtigen zu erkennen, ein Gespräch mit ihm zu führen oder nach der Therapie richtig mit ihm umzugehen.  Ich berate Sie gerne, therapiere aber keine Sucht  – das will, kann und darf ich nicht. Nicht dass der Süchtige nicht von seiner Droge wegkommen will – er kann es nicht, jedenfalls nicht ohne massive Hilfe. Und er braucht besonders nach dem Entzug Unterstützung durch entsprechende Einrichtungen. Kommt er aus der Reha zurück, braucht er Ihr Vertrauen.

Selbst jahrelang trockene Alkoholiker sind immer rückfallgefährdet, auch wenn das Risiko im Laufe der Jahre abnimmt. Trotzdem lohnt es sich, ihnen ein Vertrauensvorsprung zu geben. Denn bei einem „Trockenen“  wissen Sie, dass er den Absprung geschafft hat, er ist daran gewachsen. Bei einem anscheinend nicht Süchtigen wissen Sie nie, ob er nicht in Wirklichkeit „pitschnass“ ist und es nur besser tarnt.

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